Rechts und links

Links und rechts zu unterscheiden ist nicht jedermanns Sache. Ich weiß, wovon ich rede. Oft genug sitze ich im Auto, höre den Ratschlag meiner Frau: „Da vorne musst Du dann links abbiegen.“
Also ich biege folgerichtig ab – allerdings rechts.
Während ich mich mühsam mit „Ich dachte, Du meintest das andere links…“ versuche herauszureden, tobt bei meinem Freund Peter der Heilige Zorn auf der Stirn, wenn er nur einen Gedanken an das Thema Rechts und Links verschwendet.
Seit Jahr und Tag nämlich versucht Peter, seinen Kollegen den Unterschied zwischen Rechts und Links zu erklären. Und genau das erzählt er mir, als wir es endlich mal wieder schaffen, uns auf ein Bier zu treffen.
„Links und rechts – das kann keiner auseinanderhalten. Die Leute sind ja sooo dumm!“ stöhnt er und schlägt sich mit der Hand leicht auf die Stirn.
„Rechts ist da, wo der Daumen links ist“, kalauere ich ihm einen Spruch meiner Großmutter entgegen, die vor über 40 Jahren versucht hat, meinem Bruder und mir diesen Unterschied beizubringen. Oft genug hat Oma das anhand der Hände, mit denen man normalerweise schreibt, zu erklären. Nur: Das hat nicht nur nicht funktioniert. Als Linkshänder war ich immer der Depp. Und das saß tief. Ich war als Linkshänder immer etwas benachteiligt… Ich konnte das nie richtig auseinanderhalten.
Sie kennen vielleicht das Gerede vom Unterschied zwischen dem guten und dem schlechten Händchen, der linkischen und der rechtschaffenden Personen, wenn etwas mit links gestrickt, auf links gezogen ist oder jemand links herum ist – oder einer einen anderen linkt. Links ist eben Scheiße. Solche Bemerkungen tun einer zarten Kinderseele gut – oder eben nicht. Aber das ist ein anderes Thema. In Spontansituationen aus der Pistole geschossen (die man als Linkshänder sowieso nicht richtig halten kann), die richtige Antwort auf die Frage „Rechts oder links“ zu geben, hat für mich eine Trefferwahrscheinlichkeit von 50:50. Leider geht es oft daneben. Und Sie denken, Sie hätten Probleme…

Eigentlich ist es unnötig, an dieser Stelle auf das geniale, berühmte kleine Gedicht von Ernst Jandl Lichtung hinzuweisen. Ich tue es trotzdem:

Lichtung Gedicht von Ernst Jandl
Was Peter aber auf die Palme bringt, um endlich zurück zum Thema zu kommen, ist, dass dieser Unwille, rechts und links zu unterscheiden, auch in völlig stressbefreiten Situationen vorherrscht.

„Was ist denn jetzt wieder los“, frage ich ermunternd, damit er endlich das Ungeheuerliche erzählt, was an seinem Arbeitsplatz fortwährend passiert. Peter, das kenne ich von ihm nicht anders, machen gerade die kleinen Gedankenlosigkeiten der Anderen im Alltag zu schaffen, da kann er richtig fuchsig werden.
Und das, so versichert er mir, seit über 20 Jahren.
„Das ist schon keine Gedankenlosigkeit mehr, das ist Ignoranz, die an Boshaftigkeit grenzt…“ schnaubt er.
„Was denn?“ frage ich und Peter schüttelt abwehrend den Kopf. „Nun erzähl doch endlich!“
„Du wirst es nicht glauben…“ beginnt er seinen Bericht, den er damit einleitet, dass sein Arbeitgeber den Mitarbeitern kostenlos Mineralwasser zur Verfügung steht.
„Oh doch“, sage ich. „Das glaube ich Dir gern. Viele Arbeitgeber tun das. Das ist bei uns auch nicht anders.“
„In unserer Versicherung steht das Wasser in Kisten in einer Kammer direkt neben der Teeküche. Da kann sich jeder bedienen.“
„Bei uns auch, nur nicht neben der Küche, bei uns steht das neben den Aufzügen.“
„Die Getränkefirma liefert. Die vollen Kisten stehen alle an der rechten Wand, die Kisten mit Leergut auf der linken. Da kann es doch nicht so schwer sein, die leeren Flaschen eben links in die Kisten zu stellen…“ Peter schüttelt sein Haupt. „Aber offensichtlich kapieren einige das nicht. Die stellen ihre leeren Flaschen, wenn sie sie überhaupt zurückbringen, mit absoluter Treffsicherheit immer auf die rechte Seite zurück in die Kästen, in denen die vollen Flaschen stehen. Immer steht alles durcheinander, immer müssen die Leute von der Getränkefirma stundenlang alles sortieren.“Leergut links
„Doch, das glaube ich..“ werfe ich ein. „Bei uns ist das zwar anders herum, da steht das Leergut rechts, aber ansonsten ist es das Gleiche. Manchmal musst Du ein halbes Dutzend Flaschen aus der Kiste ziehen, bis Du eine volle erwischst. Wir haben es schon schwer…“ Dazu grinse ich frech.
Peter ignoriert diesen provozierenden Gesichtsausdruck
„Ich habe sogar einen fetten Zettel an die Wand gehängt. Mit Edding geschrieben! Es nutzt nichts. Die Leute können entweder nicht lesen, oder sie wollen nicht…“
„Gut gemacht, auch wenn es offensichtlich nichts gebracht hat“, lobe ich Peter. „Du bist ein wahrer Sysiphos im aussichtslosen Kampf gegen das Absurde der Welt. Bei uns hängt auch ein Zettel, aber der ist mit dem Computer geschrieben. Nützt nur genauso wenig.“ Peter freut sich. Endlich einer, der ihn versteht. Und ihn lobt. Schließlich ist das der Grund, warum er das Ganze überhaupt erzählt. Peter will gelobt werden, und das mache ich.  Erst beim Bier und jetzt öffentlich.
Was schließlich wäre die Welt ohne ihn… und ohne seinesgleichen?
Weitaus unaufgeräumter. Jeder würde machen, was er will. Sogar die leeren Flaschen auf der falschen Seite in die falschen Kisten zurückstellen…. wenn sie denn überhaupt zurückgestellt werden.
Vielleicht hält Peter nach einem solchen Lob ja noch eine Weile im Kampf gegen das Chaos durch.
Peter, die Welt braucht Menschen wie Dich!Vollgut rechts

_________________________________________

renate-und-das-dienstagsarschloch-klein wk-124Mehr Genörgel vom Autor finden Sie in 66 Geschichten in dem Buch RENATE UND DAS DIENSTAGSARSCHLOCH. Das Buch ist ab sofort erhältlich und kann für € 9,90 direkt hier , bei Amazon oder mit Geduld und Glück im stationären Buchhandel bestellt werden. Ab Ende März auch als Kindle-eBook erhältlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.