Liebesleben und Lederhosn – Trachtenzeit bei Tchibo

Tchibo läutet die Wiesn-Saison ein. Was heißt: Neben allerlei schuhbeckschen Gewürzen, Brathendl-Messern und –thermometern offeriert der Gemischwarenhändler mit angeschlossener Kaffeerösterei in dieser Woche Trachtenmode. Haferlschuhe und -socken, Karo-Hemden, Janker, Dirndl und Lederhosen. Alles komplett: Einmal das komplette Wiesnoutfit für den Herrn für knapp 235 €. Wenn ich bedenke, was meine Lederhose damals gekostet hat…
Wie, was jetzt? Der Zwetschgenmann hat eine Lederhose?
Ja, die hat er – und er hat sogar mehrere
Für mich selbst eine Überraschung, aber das hiesige Nationalgewand hat es mir irgendwie angetan. Sollen die Bayern nur ja nicht denken, sie hätten die Lederhosn für sich gepachtet oder gar erfunden…
Ob Wiesn, ob Herbstfest, ob Maibaumaufstellen: Der Herr gefällt sich im knielangen Leder, in Haferlschuhen, Karo- oder grobem Leinenhemd. Und ich fühle mich saupudelwohl darin. So wohl, dass die Knielange auch mal so im Garten angezogen wird, dann ohne Träger aber natürlich mit T-Shirt. Oder zum Fußball-Public-Viewing in einem der großen Münchner Biergärten. Dann natürlich gepaart mit dem Trikot der Nationalmannschaft. Unerschrockene tragen die Lederhosn gar mit FC Bayern Trikot in der Allianzarena. Soweit geht die Liebe dann aber doch nicht. Lederhosn passt definitiv nicht zum Schwarz-gelb des BVB.
Das Ganze ist nicht weiter erwähnenswert, denn es ist ja nichts Neues, dass vor allem die Zugroastn innerhalb kürzester Zeit zu 150% Bayern werden. Sie sind vorneweg dabei, die weiß-blaue Servietten einzudecken, das Freistaatwappen ans Auto zu kleben und demonstrativ in Restdeutschland eine „Semme“ zu bestellen, wissend, dass die selten im deutschen Sprachraum aufgewachsene Bedienung einer 10Cent-Bäckerei damit ebenso wenig anfangen kann, wie ihre Traunsteiner Kollegin, wenn man bei selbiger „Schrippen“ ordert. Das ist dann doch albern.
Die Nachbarn im Dorf tolerieren also die Attitüden der Neubayer, was bleibt ihnen übrig? Das Ganze geht natürlich nur, so lange die Lederhose einigermaßen authentisch ist, also nicht ein Teil fernöstlich produzierter absurder Landhausmode oder so aufgmaschelt ist wie ein chromstrotzender Ford-Mustang. Wer aber ins nächste Modehaus einer oberbayerischen Kreisstadt marschiert, kann sicher sein, zünftig und passend ausstaffiert – wie im Tchibo-Look – wieder herauszukommen.
Und doch wundere ich mich über mich selbst. Lederhosen gern zu tragen ist auch für mich ein Ergebnis der Assimilation an meinen Wohnort.
Wer wie ich aufgewachsen ist zwischen Ruhrpott und Sauerland, dem ist bayerische Tracht und Brauchtum nicht gerade das, was mir in die Wiege gelegt wurde. Da hilf auch die bayerische Großmutter nicht. Im Gegenteil. Das einzige Mal, dass sie mir, da war ich gerade in die Schule gekommenen eine ganz kurze dunkelgrüne Kinderlederhose aus einem Urlaub dem Berchtesgadener Tal mitbrachte, endete mit einem Desaster. Hartnäckig habe ich mich geweigert, mich zum Gespött der Nachbarschaft, der Mitschüler und Freunde zu machen. Ich habe dieses Ungetüm vielleicht ein oder zweimal getragen. Heute entdecke ich ein ähnliches Modell im Tchibo-Katalog und würde es meinem Sohn, wenn ich denn einen hätte, auch nicht antun.
Aber eine Hirschlederne, das wäre schon was. So mit echten Hornknöpfen, Trägern und einer schönen Stickerei. „That’s cool“, würde ich sagen wollen und es auch so meinen.
Zeiten ändern sich. Dabei war meine Ablehnung gegen alles, was nur irgendwie mit Volks- und Brauchtümelei zu tun hatte, nie stärker als in der Sturm-/Drang- und Studienzeit. Alles, was nur den Hauch hatte, zu den Insignien der Heimat- und Erdverbundenheit zu gehören, was mit der romantisierender Sicht auf die Vergangenheit zu tun hatte, war höchst suspekt: Dumpfer Patriotismus, fast Nationalismus, zumindest erzkonservativ, spießig und reaktionär.
Es mag der Zeit geschuldet sein, dem Studium an der Arbeiteruniversität in Bochum, dem generellen Protest, was weiß denn ich
Heute kann ich die Gelegenheit kaum erwarten, die Lederhosn aus dem Schrank zu holen und anzuziehen – das ist viel zu selten der Fall. Und bei der Gelegenheit gestehe ich, dass sich bei einem ordentlichem Juchizer Gänsehaut einstellt – niemand kann das besser als die Kapfinger Zabine, das sei gleich mal klar gestellt. Wer hätte das damals für möglich gehalten, dass mir heute ein Almen-Begrüßungsschrei etwas bedeutet?
Heute ist es mir völlig wurscht, was sie sagen würden, die ehemaligen Kommilitonen, wenn sie mich so sähen. Aber wahrscheinlich sind auch sie längst durch alle Institutionen marschiert – zücken zum Schützenfest den grauen Lodenanzug und sind insgeheim neidisch, dass sie bei Tchibo keine Lederhose kaufen können. Wie auch? Das Angebot ist ja – wie der Prospekt vorab freundlich mitteilt – nicht in allen Filialen erhältlich. Da ist der Kafferöster auf einmal gar nicht mehr so der Chefeinkleider, wie er es sonst so gern ist. Kennen Sie nicht? Dann schauen Sie sich mal im Grundschulbus um, wenn es gerade bei Tchibo Regenjacken und Gummistiefel gegeben hat. Ganze Heerscharen “nordic-walken” im Einheits-TCM-Look. Aber bei der Tracht bleibt das Unternehmen plötzlich regional.
Pech für Euch Nordlichter. Und nur für einen Urlaub in den Bergen ist sie dann doch zu teuer. Da muss dann die Trekking-Kniebundhose her. Zünftig mit Trekkingsandalen versteht sich – und beides vermutlich auch aus dem TCM-Regal.
Was für eine Geschmacksverirrung! Pfui Spinne…

2 Kommentare


  1. Bei mir, als gebürtigem Münchner, ist die kurze Lederhose (natürlich vom Säcklermeister) an warmen Tagen DIE Hose. Ich trage sie bei entsprechender Witterung sowohl im Büro, als auch privat. „Business casual“, wie der Bayer sagt. Überhaupt halte ich die Krachlederne für die einzige kurze Hose, die ein Mann mit Stil tragen kann. Die Lange wird nur zu festlichen Anlässen angezogen, dann mit weissem Hemd und Kniestrümpfen. Ich finde sie einfach längst nicht so bequem.

    Zur Wiesn trägt der Münchner übrigens keine Lederhose, sondern einen guten Trachtenanzug – liebevoll auch Raiffeisen-Smoking genannt, wie mir ein befreundeter Saupreiss, beim letzten BvB vs. FCB Spiel erklärte!

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