Laurin kann’s nicht lassen

Seit Beginn der Freiwasser-Saison verfolge ich einen Plan. 25 Seen und Weiher in und um München möchte ich in der Zeit von Mai bis zum Herbst abgeklappert haben und darin geschwommen sein. Ich nenne das Ganze Challenge 25, denn ich bin immer wieder angetan von der Formulierung „Lass uns mal ’ne Challenge machen.“
Das habe ich bestimmt 10 mal in nicht mehr als 10 Minuten am Ufer des Staudhamer Sees gehört. Dort tobten zwei etwa 12jährige Jungen im Wasser, und der eine wollte den anderen immer battlen (schreibt man das so?). „Lass uns mal ’ne Challenge machen“, rief er seinem Spezl immer wieder zu.
Das sind prägende Momente. Nun denn: Mach ich halt auch ne Challenge. Im Rahmen derselbigen (Challenge 25) komme ich viel herum in und München, schwimme mal hier und mal dort und verblogge das Ganze nach und nach in meinem Zweitblog.
Gerade erst war ich am Heimstettener See, über den Schwimm können Sie unter dem angegebenen Link Näheres erfahren.ente1
Schon vor dem Schwimmen fällt mir ein Rudel Mütter auf, die aus einem der umliegenden Orte in dieses Naherholungsgebiet geradelt sind – alle mit 100% verkehrssicheren Fahrrädern, und alle mit Kindernhängern. Auf dem Spielplatz rotten sie sich zusammen, derweil die lieben Kleinen Auslauf haben.
Nun kann den Kindern dort wenig passieren, allenfalls können sie am flachen Ufer nasse Füße bekommen.
Mutter Isolde (der ich hiermit diesen peinlichen Namen gebe, denn sie hat ihren Kindern auch so idiotische Namen gegeben) sorgt sich trotzdem. Wie ein Helikopter kreist sie mit Blicken über ihre drei Liebsten. Ich liebe den fast schon bösartigen Ausdruck Helikopter Eltern für dieses paranoide overprotecting Verhalten, und hier beobachte ich es, während ich mich zum Schwimmen umziehe, in Reinkultur.
Isoldes Tochter Jaqueline (die nun tatsächlich so heißt, und darum nenne ich ihre Mutter Isolde) hat es nämlich auf die strawanzenden Enten abgesehen. Die Vögel watscheln in maximaler Distanzlosigkeit am Ufer durchs Gras und scheuen sich nicht die Naherholungssuchenden (bitte loben Sie mich für diesen genderwahnsinnigen, geschlechtsneutralen, politisch korrekten und doch so schwachsinnigen Ausdruck) anzubetteln.Nicht selten legen die Enten einen Blick auf, wie ihn treudoof höchstens noch bettelnde Hunde hinbekommen. Dabei kommen sie einem so nah, dass man mit einem schnellen Griff das Viech am Hals greifen und zum nächsten chinesischen Restaurant bringen könnte.

ente2
Jaqueline, vielleicht drei Jahre alt, stürmt, soweit man das bei Kindern mit solchen Speckebeinchen sagen kann, auf die Enten los.
Und Mutter Isolde wie von der Tarantel gestochen hinterher.  Mehrfach ruft sie ihre Tochter. Sie will der wilden und wildernden Entenjagd Einhalt gebieten. Jaqueline aber ist das egal. Ran an das Federviech.
Schnatternd und verärgert machen sich die Enten Richtung See auf und davon. Jaqueline hinterher. Immer näher geht die wilde Hatz ans Ufer. Mutter Isolde wird hysterisch. Ein spitzer Ausruf. Endlich bleibt Jaqueline stehen. Fast wäre sie der Ente hinterher ins Wasser gerannt. Das hätte der Mama vermutlich sofortigen Herzstillstand ausgelöst, das arme Kindchen hätte ja nasse Füße bekommen können. Wenn nicht gar Schlimmeres. Man kann ja nicht vorsichtig genug sein. Es passiert ja so schnell was.
Anders als Jaqueline, die ihrer Mutter zum Spielplatz zurück folgt, bekomme ich nun nasse Füße. Und nicht nur das. Ich bin schließlich zum Schwimmen hier.

Als ich aus dem Wasser komme, stehen Isolde und eine Freundin am Ufer, keine drei Meter von meinen Sachen entfernt. Die beiden Mütter unterhalten sich angeregt über spanische Wegschnecken und indische Laufenten, derweil ich mich hinter ihren Rücken auf meinem Handtuch niederlasse und aufwärme.
Während die Frauen über die ekligen Schnecken und die Enten als natürliche Bekämpfung schwadronieren, bekommen Sohnemann Fabian und seine Schwester Jaqueline einen Sack mit Brotresten in die Hand gedrückt. Dass Brot Gift für die Vögel und die Gewässer ist, sollte mittlerweile hinlänglich bekannt sein, das stört aber die Besucher der Naherholungsgebiete nicht. Und selbst in Parks, wo große Hinweisschilder aufgestellt sind, füttern Eltern und Kinder die Vögel bis zum Geht-Nicht-Mehr.  Das ist ja auch zuuu niedlich. Jaqueline und Fabian machen da keine Ausnahme.
Aber der Dritte im Bunde. Der füttert nicht.
Laurin nämlich hat vom Spielplatz einen Eimer Sand mitgebracht. Und den Sand wirft er im hohen Bogen auf die Enten.
„Laurin, bitte sei so lieb und lass das. Die Enten mögen das nicht“, unterbricht Isolde ihre Rede.
Aber Laurin lässt sich nicht beirren. Denn mit jedem Wurf kommen mehr Enten angeschwommen. Denn natürlich interpretieren die Vögel, dass da jemand Brot wirft. Sie suchen das Wasser und das Ufer ab, finden aber keines, und schon wieder kommt eine Kinderhand voll Sand angeflogen und rieselt auf die Enten nieder. Zuuuu spaßig. Findet jedenfalls Laurin.
„Laurin. Bitte. Das ist nicht fair. Die Enten finden das bestimmt nicht toll“, säuselt Mama Isolde und schiebt sich die Sonnenbrille ins Haar.
Da hat sie Recht, die Enten finden das ganz sicher nicht toll.
Aber Laurin. Also wirft er weiter, ungerührt von den bittenden Hinweisen seiner Mami, die sich intensiv darum bemüht, ihrem Sohn vom Sandwerfen abzubringen ohne dabei nachdrücklich oder gar laut zu werden und sein zartes Kinderseelchen zu verletzen und zu vernarben.
„Stell Dir vor, Du wärest die Ente und ein fremder Junge wirft mit Sand nach Dir. Das fändest Du bestimmt doof. Oder etwa nicht? Also hör bitte auf.“
Laurin hört nicht zu – und auch nicht auf.Laurin wirft mit Sand
Warum auch?
Derweil sich Enten und Blässhühner um Fabians und Jaquelines Brot schlagen und Laurins Sandwürfe ertragen, wendet sich Isolde wieder ihrer Freundin zu.
Was fehlt, wäre eine klare Ansage, dass Laurin gefälligst aufhören soll mit dem Scheiß. Aber darauf kommt Frau Isolde nicht. Vielleicht kann man das aber auch nicht von jemandem erwarten, der seine Kinder Laurin, Fabian und Jaqueline hat taufen lassen.
Berge von Brot fliegen die nächsten Minuten auf die Wasservögel zu, mehr als sie fressen können oder wollen.
Und ganz sicher ist es allerbestes Vollkornbrot, natürlich Bio.
Selbstverständlich. Vielleicht sogar das besonders teure Glutenfreie aus dem Reformhaus. Es hat sicher ein kleines Vermögen gekostet, was hier im See landet, das Gewässer belastet und den Vögeln schwer im Magen liegt.
Irgendetwas läuft falsch bei diesen Menschen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.