Kunde sucht Kissen

Es gibt Dinge, daran scheitere ich grandios. Kissen kaufen gehört zum Beispiel dazu. Welch ein Desaster.

Nachdem mittlerweile zwei unserer alten Küchenstühle den Geist aufgegeben haben (Ja, das kommt vom vielen Kippeln, liebe Kinder!), musste Ersatz beschafft werden. Zwei neue Stühle für den Esstisch.
Und da die alten Sitzmöbel runde, die neuen aber eckige Sitzflächen haben, sind die Kissen der alten Stühle gleich mit ausgemustert worden. Wer legt schon runde Kissen auf eckige Stühle?
Und schon fängt das Drama um Farben, Muster und Stoffe an. Denn natürlich war der Plan meiner Frau (den ich wie alle ihre Pläne bedingungslos unterstütze), nicht nur für die beiden neuen Stühle neue Sitzpolster anzuschaffen. Wenn, dann müssen Kissen für alle sechs Stühle her,
Recht hat sie.

Die Suche nach vorkonfektionierter Ware in diversen Geschäften allerdings verlief ergebnislos. Was mich nicht weiter wundert.
Um das Ganze zum Abschluss zu bringen, nötigte sie mich, gemeinsam mit ihr ein Textilstudio zu betreten.

Dort haben wir vor zwei Jahren unsere Vorhänge anfertigen lassen. Mit einem Stoffmuster selbiger sowie einem Bezug der vorhandenen Kissen geht meine Frau zielstrebig in die Ankaufsverhandlung, derweil ich deplatziert wie ein Fish out of Water lediglich von meinem Vetorecht gegen florale Muster Gebrauch mache und ansonsten unauffällig die Fluchtwege eruiere. Allein: Es gibt kein Entkommen.

Die hilfreiche Verkäuferin schleppt brav Musterbücher über Musterbücher heran, empfiehlt, berät, hat noch eine Idee und noch eine – und verwandelt in kurzer Zeit den Verkaufstisch in einen Zustand, den man kaum anders beschreiben kann als mit dem alten hebräischen Tohuwabohu. In kurzer Zeit liegt alles mit irgendwelchen Stofffetzen voll. Wie kann man da nur noch irgendetwas finden? Geschweige denn eine Entscheidung treffen?
Stoffmuster und Farben für Kissen
Furchtbar.
Statt schon mal abzuräumen, was gar nicht in Frage kommt, holt sie nur noch mehr Bücher und schichtet alles übereinander, durcheinander. Wo wird das hinführen?
Zunächst führ es in ein orientierungsloses, unssstematisches Gewühle – immer wieder landet sie bei einem Stoff, über dessen Qualität sie schon vor gefühlten Stunden referiert hat.

Ich frage mich, wie man aus dem Kauf von Stoff für sechs Kissen ein tagesfüllendes Programm machen kann. Aber offensichtlich geht das.
Und dann kommt zu allem Überfluss die Chefin des Geschäfts dazu, womit die Gruppe der Diskutierenden sich nicht nur um eine Person erhöht, sondern exponentiell auch die Menge der Empfehlungen, Ratschläge und Ideen. Ein Ende dieser Intensivberatung ist nicht mehr abzusehen – allerhöchstens durch den Feierabend, aber der ist noch viel zu weit entfernt.
Als die Chefin allen Ernstes vorschlägt, für unsere sechs Stühle fünf gleiche Polster und einen farbigen Ausreißer anzufertigen, ist es mit meinem Verständnis vorbei: Augenblicklich verspüre ich kalten Schweiß auf meiner Stirn. Fünf rote und ein grünes Kissen gar?
Wie kann sie nur so etwas Absurdes vorschlagen?
Hat die Frau kein Gespür für ausbalancierte Symmetrie und Ordnung?

Da könnte sie ja gleich den Tisch mit einem Sammelsurium verschiedener Geschirre und Gläser eindecken. Und dazu Besteck aus allerlei Serien. Sind wir in einer Studenten-WG oder Firmen-Kaffeeküche, oder was soll das werden?
Dass man eine stundenlange Grundsatzdiskussion darüber führen kann, ob man Farben kontrapunktiert oder doch alles Ton-in-Ton wählt, farbfamilienübergreifende Kombinationen wagt oder Strenge walten lässt, kann ich nicht verstehen. So lange die Farben nicht schreien, ist doch alles gut. Und der Einzige, der gleich schreit, bin ich.
Für Kissen zu viele Farben
Schließlich wage ich die ganz nüchtern-rationale Feststellung, dass es doch eigentlich völlig egal ist, wie die Kissen aussehen.
„Man sieht sie doch sowieso nicht. Denn entweder sind die Stühle unter den Tisch geschoben, dann müsste man schon auf allen Vieren durchs Haus kriechen, um die zu sehen. Oder man sitzt drauf. In diesem Fall sind sie – je nach Volumen des Gesäßes – mehr oder weniger flächig bedeckt. Wozu also dieser Umstand?“

Verständnislose, von Entsetzen gezeichnete Gesichter starren mich an.
Mein Ansatz, die Veranstaltung zu beenden und Vernunft walten zu lassen, um zu endlich zu einem Ergebnis zu kommen, hat nicht funktioniert. Im Gegenteil: Mein ungeheures Sakrileg führt dazu, dass man mich umgehend des Raumes verweisen will, vielleicht sogar Schlimmeres: Mit einer Gardinenstange oder einem Musterbuch erschlagen und unter Stoffproben begraben. Sollte ich den Rest des Tages erleben, muss ich jetzt den Mund halten.
Aber heimlich nehme ich mir vor, daheim im Internet nach der Telefonnummer von Tine Wittler zu suchen. Oder ich biete RTL ein neues Dokusoap-Format an: Kunde sucht Kissen…


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4 Kommentare


  1. Das alles kommt mir i-wie bekannt vor.
    Nun bin ich zwar Single, aber doch manchmal Begleiter.
    Wenn es um Stoffe geht, im schlimmsten Fall noch um solche, die man selber trägt, dann nehm ich immer Reißaus.
    Die energetischen Voraussetzungen reichen da einfach nicht, um das durchstehen zu können …. auch wenn ich sämtliche körpereigenen Atomkraftwerke hochfahren würde.
    Meine Sachen sind immer kurz und bündig gekauft – anschauen, anprobieren, passt, Kasse, Aufwiedersehen.
    Der Rest der Zeit gehört einer Wurstsemmel oder dem Cappucchino.

    Antworten

  2. Über die letzten beiden Absätze musste ich herzhaft lachen. Ziemlich ähnlich geht es mir bei Gebrauchsgegenständen auch. Und ich verstehe nicht, warum man für die Wahl vom Passenden so viel Zeit und Energie verschwenden muss/sollte. Ich glaube, da kann uns auch Tine Wittler nicht wirklich auf die Sprünge helfen.

    Liebe Grüße
    Sandra

    Antworten


  3. Nun … das Problem habe ich mal nicht, schade eigentlich.
    Wäre mal lustig zu sehen, was passiert, wenn ich meinen Mann zu einer solchen Beratung schleppen würde. Immerhin hätte er die avantgardistische Lösung, bei der ein einziges Kissen in einer anderen Farbe gewesen wäre, bevorzugt.

    LG Sabienes

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