Kuh Yvonne – oder warum Bayern doch nicht Texas ist

Ja, es gibt sie wirklich: Die bayerische Problemkuh.
Und damit ist keine Vertreterin der hiesigen Landesregierung gemeint. Ohnehin besteht Letztgenannte nicht aus Rindviechern und sollte ich jemals etwas anderes behaupten, dann bin ich mir der unmittelbar folgenden Strafe bewusst. Neben juristischen Nachspielen rechne ich fest mit einer Ansammlung von Männern mit weißen Mützen in meinem Vorgarten. Und diese werden ganz sicher nicht das Lied der Schlümpfe anstimmen. Sie werden vermutlich ein Holzkreuz errichten und es in Brand setzen.
Ich lebe in den Südstaaten – und das ist gut so.
Da wird der Neubürger gern als „Zugroaster“ tituliert, und damit tut man ihm erst mal nicht weh. Denn zugereist ist er schließlich irgendwann einmal, und sei es vor drei Generationen. Aber so lang er sich an Sitte, Ordnung und Toleranz gegenüber dem „bavarian way of life“ hält, ist alles gut. Wehe aber, wenn nicht.
Nestbeschmutzung zum Beispiel gehört sich nicht, „da hätt er besser gar nicht erst herkomma soin, der Saupreiß, der damische“ (wahlweise Verschiebung von Vokalen unter Streichung oder Ergänzung von Konsonanten in diesem Zitat ist regionalbedingt erlaubt).
Man und damit meine ich mich, toleriert also alles, hält sich bedeckt und beobachtet fasziniert das folkloristische Treiben – es ist ein wenig so, als sei man Ethnologe in Papua-Neuguinea, nur sitzt man nicht unbedingt im Kochtopf…
Ich schweife ab. Also wo waren wir?
Bayern, das sind irgendwie die Südstaaten. Das ist das trotzige „Mia san Mia“ einer Bevölkerung, die noch immer darunter leidet, in Restdeutschland als bierselige, jodelnde, schuhplattelnde und goaßlschnoiznde (nein, ich kann das nicht aussprechen) Hinterwälder angesehen zu werden. Die Depperten, die Volltrotteln, die Sepplhosnträger – so sehen sie sich. Nein: Nicht sich selbst. So fühlen sie sich noch immer wahrgenommen von den anderen germanischen Stämmen und reagieren mit identitätstiftendem Trotz, Stolz und Pathos. Ganz wie die Rednecks des amerikanischen Südens.
Hier wie dort wird am Stammtisch noch völlig ungeniert vom „Neger“ gesprochen. Hier wie dort lässt man sich von den „Hoover-Boys“ da oben in der Hauptstadt noch lang nix sagen, die haben doch sowieso keine Ahnung, wie’s da zu geht, da unten bei uns.
Hier wie dort hisst man gern und zu jeder Gelegenheit, und auch ohne seine solche, seine eigene weiß-blaue respektive Konföderierten-Fahne als Zeichen querköpfiger Unabhängigkeit.
Da kann der Modernismus eines „Laptop & Lederhosn“-Slogans, der übrigens mitnichten auf den vormaligen Landevater Strauß oder den sprachstolperigen Stoiber sondern den Altbundespräsidenten Roman Herzog zurückgeht, auch nichts ändern. Wer einmal im Bierzelt bei der Freiwilligen Feuerwehr, den Schützen-, Trachten- Burschenvereinen etc. gehockt hat, weiß, wovon ich rede. Und er weiß, wie saugemütlich es da ist.
Texas oder Louisiana, das ist wie Altbayern. Das wusste schon vor zwanzig Jahren Franz Xaver Bogner, als er in „Irgendwie und Sowieso“ Sir Quickly (Ottfried Fischer) durch das Münchner Umland knattern ließ. Irgendwo zwischen Rosenheim und München, zwischen Markt Schwaben und Albaching liegt Texas.
Vielleicht ist das auch der Grund, warum Kuh Yvonne sich so heimisch in den Wäldern zwischen Mühldorf und Ampfing fühlt. So weit weg von Texas ist das ja gar nicht. Wen also wundert’s, dass sie gar nicht daran denkt, sich auf die tierische Geriatrie-Station Aiderbichl bringen zu lassen. Dort würde sie bis zum Lebensende zwischen kastrierten Altstieren, senilen Kühen, tattrigen Eseln, verkalkten Schafen und gichtigen Schweinen ihrem Lebensende entgegensehen. Es wäre die Hölle auf Erden im Vierbeiner-Altenheim. Dann lieber in den „texanischen Wäldern“ die Freiheit genießen.
Aber „anything goes“ geht nur im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, doch hier nicht.
In Bayern wird die anarchische Kuh, die sich weder von Freundin Waltraud noch einem potenten Stier in eine Falle locken ließ, schnell zur Problem- wenn nicht gar zur Schadkuh. Schließlich gilt in deutschen Landen und plötzlich gehört Bayern dazu, „anything goes“ vor allem für die Autofahrer. Und weil nicht sein kann, was nicht sein darf, ist das Tempolimit in den Straßen rings um den Kuhforst ein bösartiger Freiheitsentzug des mündigen Pkw-Bürgers. Was dem Texaner seine Winchester 73, ist dem Deutschen seine unbeschränkte Gasfreiheit. Jetzt aber herrscht Tempo 30 in der Kuhzone, weil sonst 700 Kilo feinstes Rindviech statt auf dem Weber One Touch Premium Grill auf dem Kühlergrill des getunten 3er BMW Compact landet, weil sonst der brünstige „Stier“ auf dem Weg zur Disco eher die Yvonne statt die Vroni aufgabeln könnte…
Da ist nicht mehr viel hin mit „Texas“ und ganz schnell Schluss mit lustig. Da den Bauern, Aiderbichlern, Jägern und freiwilligen Helfern bisher jegliches Talent zum Gringo abging, bleibt Yvonne wo sie ist. Kein Freizeit-Cowboy nebst Lasso hat es bisher geschafft, das ausgebrochene Viech wieder einzufangen.
Yvonne genießt es und bietet den Schreiberlingen Rohstoff für das Sommerloch. Das amüsiert nicht nur uns Yanks – ähm sorry: Die Zugroastn.

1 Kommentar


  1. Da gratuliere ich mit einem kräftigen „YEEEHAAAWWW“ aus Fürstenfeldbruck zu dem einzigen lesbaren Beitrag zu diesem unsäglichen Sommerloch Thema!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.