Kachelmännchen umzingeln mich…

Frontal-Frosch.
Wetterfrösche, wohin man schaut. Dann lieber die echten…

Alle reden über’s Wetter, oft und gern und überall. Nur die Bahn nicht. Für sie war das Wetter zumindest früher kein Thema. Ist lange her, dass sie dies in der Werbung herausstellte. Denn der Slogan erweist sich mittlerweile als Bumerang: Keine Jahreszeit, die der Bahn nicht ihre Probleme bereitet und damit zu masiven Verspätungen, Zugausfällen und Inkonvenienzen führt. Im Winter frieren Weichen ein, im Sommer verwandelt sich so mancher ICE zum Brutkasten, weil die Klimaanlage wieder mal „game over“ meldet. Im Herbst bedrohen Regen und Laub auf den Schienen die Regional-Bahnen, die dann im Schrittempo verkehren und im Frühling verursachen Fahrplanwechsel ein heilloses Chaos. Ok: Fahrplanwechsel hat nichts mit Wetter zu tun, aber mit der Bahn. Aber wir wollten über das Wetter reden. „Let’s talk about the weather“ heißt es so schön im Englischen, wenn diplomatische Untiefen drohen, Tabuthemen nicht angeschnitten werden und auch sonst jeglicher Inhalt verpönt ist.
Wir kommen auch oft und gern auf das Wetter zu sprechen. Es ist so schön unverfänglich, man kann einfach nichts falsch machen. Oder etwa doch?
Allein die Frage, ob am Wochenende das Wetter zum Grillen, Motorradfahren, Stadionbesuch oder Biergartenbesuch geeignet ist, kann in geselliger Runde in der Kneipe dramatische Situationen erzeugen. Ich zitiere dann gern den Wetterbericht  aus dem Radio, den ich auf dem Weg vom Büro nach Hause gehört habe. Aber das reicht meinen Zeitgenossen nicht aus. Entweder sie glauben mir nicht, oder dem Sender nicht oder sie trauen mir nicht zu, den Wetterbericht für etwa zwei Stunden im Kopf behalten und korrekt wiedergegeben zu haben.

Kachelmann Toys
Die richtigen Apps…

Vielleicht denken sie auch, dass ein etwa zwei Stunden alter Wetterbericht nicht mehr aktuell sein kann und sowieso bei einem Flächensender nicht präzise genug ist.
Also dauert es keine Minute und mindestens zwei am Tisch zücken ihr Smartphone, drücken wie wild auf dem Display herum und übertrumpfen sich, was ihr Wetter-App gerade aktuell meldet. Schlagartig bin ich von kleinen Kachelmännern und Inge Niedeks (die aus dem ZDF, für alle unter 50)  umgeben.
Unwohlsein macht sich breit, ich fühle mich deplatziert, denn es wird ausgiebig diskutiert, welche App auf welchen Wetterdienst zurückgreift, präzisere Vorhersagen trifft, welche Erfahrungen und Enttäuschungen man damit erlebt hat usw. usw.

Wie wird denn nun das Wetter
…und jeder wird zum Kachelmann.

Derweil gleiten die Finger weiter über das Smartphone. Schnell noch die Mails checken, vielleicht noch ein Blick ins Facebook, was weiß denn ich…
Das harmloseste aller Gespräche endet immer in einer Debatte ums Smartphone und deren Apps. Ich muss nicht erwähnen, dass ich das weder kommunikativ noch höflich finde. Ich muss auch nicht erwähnen, dass sich die Geräte zum perfekten Attribut der Besserwisserei gemausert haben. Drei Leute, drei unterschiedliche Wetterapps und der Abend ist gelaufen, da kann man sich, will man nicht mitspielen, auch gleich daheim vor den Fernseher bleiben.
Es soll auch mal keiner der Beteiligten glauben, er könne so diskret mit seinem Smartphone umgehen, dass es sein Gegenüber – also zum Beispiel ich – nicht merkt.  Ein Beispiel?
Vor einiger Zeit meinte mal ein Praktikant, der mit uns mittags zum Essen ging, zur mobilen Hilfe greifen zu müssen. Als sich beim Essen das Gespräch um die Champions League drehte googlte er heimlich unterm Tisch Maccabi Haifa. Er wusste nicht, wo Haifa liegt.
Man kann sich streiten, ob es (und wenn dann wie) peinlich es ist, das nicht zu wissen. Aber er hätte auch einfach fragen können.
Vor vielleicht 3-4 Jahren endete oft beim Mittagessen mit Kollegen das Gespräch über irgendeinen älteren Schauspieler, Sänger, Politiker etc. mit der fast schon sprichwörtlichen Redewendung „Lebt der eigentlich noch?“
Heute ist das undenkbar. Schon beim Aussprechen der Silbe „Lebt“ würde der Erste sein Telefon zucken und googeln. Freies assoziieren, überlegen, diskutieren, Erinnerungen zusammentragen – Fehlanzeige.
Vielleicht sollte ich beim nächsten Kneipenabend einfach, wenn mal wieder die Wetterfrage ansteht, aufstehen, mir eine Zeitung nehmen. Es hängen ja genug in den Kneipen an Lesestöcken herum. Dann könnte ich erst den Wetterbericht vor- und dann gleich den Rest weiterlesen.
Ich bin sicher, alle am Tisch empfänden ein solches Benehmen als sonderlich – inklusiver der Smartphoner. Warum eigentlich? Erstns bin ich sonderlich und zweitens machen die doch auch nichts anderes…

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