Fräulein Julie aus der Spam-Kiste

Bisweilen nehme ich die Dinge sehr ernst. E-Mails zum Beispiel. Auch die, die man nicht ernst nehmen sollte und die mein kluger Rechner als Spam markiert und aussortiert. Dann aber frage ich mich, ob das so sinnvoll ist, mir all diese wunderbare Post vorzuenthalten. Das wäre ja so, als würde er Zeitungsbote morgens, bevor er das Blatt in die Rolle stopft, alle Werbebeilagen rausschüttelt und weg wirft. Was entgeht mir da nicht alles an lukrativen Angeboten?

Also krame ich durch die als SPAM markierten Mails und schaue, ob nicht doch was Interessantes dabei ist. Und das ist meistens der Fall. Da war ja vor kurzem erst Peters Potenzproblemlöser ,diese wunderbaren kleinen blauen Pillen, die… na Sie wissen schon. Und kaum, dass ich die Mail gefunden hatte, kamen ja auch tags drauf zwei Angebote zu flotten Dreiern, die effizient zusammengefasst einen feschen Fünfer hätten ergeben können. Wenn ich sie denn ernst und dann gleich eine Handvoll von den Pillen genommen hätte.

Diese Woche aber schreibt mir Fräulein Julie. Es ist das zweite Mal, nachdem ich die Mail im Februar ja schnöderweise nicht beantwortet habe.
Das Fräulein will nun wissen, woran es ist. Das mit dem Fräulein ist nebenbei bemerkt nicht sexistisch gemeint sondern spielt natürlich auf Strindbergs gleichnamiges Schauspiel Fröken Julie an, wie der gebildete Leser sicher weiß.
Nun kommt die Mail aber nicht aus dem für allerlei Scherze bekannten Häuptlings-Schweden (Sie erinnern sich?) sondern aus dem fernen China. Und daher meint Fräulein Julie, deren Name so ganz und gar nicht chinesisch klingt, es ganz sicher ernst. Die Firma Conet Industry Co Ltd., für diese vorgibt, zu arbeiten, gibt es schließlich wirklich. Ich habe gegoogelt und sie gefunden.

Es ist ein Hersteller für pvc strip curtains, rubber sheets, rubber mats and rubber tiles, also PVC-Streifenvorhänge, Gummifolie (Rollenware) und Gummimatten.
Als des Englischen mächtig aber in diesen speziellen Gummifachartikeln nicht allzu bewandert, benutze ich noch einmal Google, um zu schauen, was denn eigentlich diese  rubber tiles sind. Unter rubber tails hätte ich mir ja noch was vorstellen können – ein lustiges Accesoire für frivole Petplay-Abende daheim – wuff.
Die Spur mit dem Spielen ist gar nicht so schlecht. Rubber tiles sind allerdings so komische Gummiplatten, wie man sie heutzutage auf Spieplätzen zum Beispiel unter Rutschen auslegt. Die verhindern, dass der zarte Hintern von Marylou und Cedric allzu hart auf dem Boden aufknallt, wenn die goldigen Kleinen im Affenzahn die Rutsche heruntergesaust kommen und nicht mehr bremsen können. Gab’s früher nicht, gestorben ist auch keiner. Denn die Rutschen endeten im Sandkasten. Die gibt es aber wohl kaum noch auf Spielplätzen, da sie als Ablagestellen für gebrauchte Spritzen wie für Katzenkot gleichermaßen geeignet zu sein scheinen. Darum also rubber tiles.

Also: Fräulein Julie will sich bei mir als Lieferant für PVS-Vorhänge bewerben. Das macht sie natürlich nicht bei mir persönlich sondern per Mail bei meinem Purchase Manager, also dem Leiter der Abteilung Materialbeschaffung/Einkauf.

Mail fon Julie

Zwei Minuten überlege ich, ob ich die Mail eventuell an meine Frau weiterleiten soll. Schatz, für Dich! könnte ich darüber schreiben, Du regelst doch den Einkauf.
Den eher schalen Scherz verkneife ich mir dann doch, denn andernfalls muss ich wohl eine Palette Dosenravioli kaufen und diese in den kommenden Tagen in mich hineinstopfen, bis die Fachabteilung Einkauf fertig damit ist, die Angebote aus China  kritisch zu prüfen. Denn in der Tat: Die PVC Strip Curtains haben schon was:

plastikvorhang2

Zehn schöne Farben, antistatisch sind sie und anti-insect (so so!). Da kann man doch nicht nein sagen. Eines aber haben die Vorhänge trotz allem nicht: Einen Nutzwert für unser kleines Häuschen im Grünen. So oft nämlich fährt niemand mit einem Gabelstapler bei uns rein und raus, dass wir ein so großes Hallentor hätten, vor dem sich ein Plastikvorhang gut machen würde. Aus dem Geschäft also wird nichts.

Falls Sie aber Bedarf haben, liebe Leser – ich kann Ihnen die Kontaktdaten von Fräulein Julie gern mitteilen.
Sie freut sich sicher auf Ihre Bestellung. Sagen Sie ruhig einen schönen Gruß vom Purchase-Manager meines Unternehmens.

Aber bitte fragen Sie sie nicht nach Rubber tails. Das könne missverstanden werden…play

 

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3 Kommentare


  1. Bin hier durch Zufall reingeschneit (Verlinkung von der Sezession) und staune immer wieder über Mitmenschen, die bei wahrscheinlich mit der Muttermilch aufgenommenem Geltungsbedürfnis Geistesblitze sowie Abhandlungen über trivialsten Alltagskram der darauf wartenden Welt zukommen lassen müssen. Bei der örtlichen Lokalpresse wären Sie auch gut aufgehoben, da gibts meist auch einen /eine, die für derlei launige Geschichten über die Frühjahrsbepflanzung, die reparierte Parkbank oder den entflogenen Wellensittich berichten.
    Alles Geschmackssache, sagte der Affe und biss in die Seife. Nichts für ungut, mein Ding ist das hier nicht.

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    1. Werter Jemand, der sich Klaus nennt,

      … und es gibt die, die statt einfach weiterzublättern, weil sie sich weder für die reparierte Parkbank noch den entflogenen Wellensittich interessieren, an die Lokalzeitung einen Leserbrief schreiben. In selbigem teilen sie dann mit, wie niveau- und belanglos das Blatt mittlerweile geworden ist.
      Aus ebenfalls Geltungsbedürfnis.
      So ergänzen wir uns auf’s Trefflichste.
      Dabei schreibe ich dieses Block gar nicht für Sie und Sie wollen mich gar nicht lesen. Also: Warum ziehen Sie nicht einfach kommentarlos weiter? Hier sind Sie falsch. Sie müssen an meinem Blogbaum nicht das Beinchen heben und ihre Duftmarke setzen.

      Übrigens habe ich bei einer Lokalzeitung angefangen zu schreiben und schreibe wieder gelegentlich für lokale Presse. Es gibt nämlich Leser, die mögen das.

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