Johannes Grützke: Ich meine nicht – ich bin gemeint!

Er muss schon ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein gehabt haben, der Berliner Künstler Johannes Grützke. Wie sonst hätte er unerschrocken weitergemacht, sich mit Dutzenden von Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten, um seine eigentliche Leidenschaft zu finanzieren: die Malerei. Zumindest gab er Selbiges von sich kund – und ebenso, dass er Dutzende an Ablehnungen erfuhr, bevor der Durchbruch kam. Auch, dass er achtzehn an ihn herangetragene Professuren ablehnte, bis er sich nicht mehr wehren konnte und schließlich eine annahm. Man weiß nicht, was man Grützke von diesen Äußerungen über sich selbst glauben darf und was nicht, immerhin hat er auch verlauten lassen, nie im Leben ein Selbstbildnis gemalt zu haben. Was nachweislich nicht wahr ist, denn eine ganzer Reihe dieser Bilder hängt in der Ausstellung: Werdet wie ich: Johannes Grützke im Penzberger Museum.Ausstellungsraum mit Grützke-Werken

Als Eitelkeit darf man das aber wohl nicht werten, denn seine Bilder, die er in der von ihm entwickelten Stilrichtung der Neuen Prächtigkeit gemalt hat, sind ironisch gebrochen, tragen enorm viel Satire in sich und zeigen einen Menschen so ganz und gar nicht in dem Bestreben, seine geschönte Schokoladenseite zu präsentieren, wie das heutzutage im Selfie-Zeitalter geradezu jeder versucht.

Ich muss zugeben, von Grützke hatte ich nie zuvor gehört. Hätte meine Frau nicht einen Beitrag in BR2 über die Ausstellung in Penzberg gehört und vorgeschlagen, mal dorthin zu fahren, wüsste ich heute noch nicht, wer das war. Das hat sich nun geändert.
Es war ein Ausflug, der sich gelohnt hat. Ich bin von dem schrägen Kauz, der sich in der etablierten Hochebene zeitgenössischer Kunst zwischen Richter und Uecker, zwischen Immendorf und Baselitz, zwischen Rauch und Gursky seine Nische gesucht und auch eine gefunden hat, hellauf begeistert.
Das, was das kleine Museum zwischen Tölzer Land und Pfaffenwinkel zu bieten hat, ist ganz nach meinem Geschmack. Und damit meine ich nicht nur die ständige Sammlung Campendonck, sondern eben die Ausstellung der Werke Grützkes.
Selbstbildnis GrützkeEtwas weniger begeistert mich aber das (vermutlich) ehrenamtliche Aufsichtspersonal des Museums, das wohl zum großen Teil aus (vermutlich) ehemaligen Lehrerinnen und Lehrern des benachbarten Gymnasiums besteht. Männer mit zotteligen Grauhhaar-Künstlerfrisuren sitzen im Eingangsbereich herum und schwadronieren fachkundig über Kunst und Kultur. Kommt aber ein Museumsbesucher, schwärmen sie, kaum dass der Besucher sein Ticket gelöst hat, wie Bienen in der Morgensonne aus und verteilen sich auf die kleinen Museumsräume.
Klar: Ich verstehe das. Es gibt immer Trottel, die die Finger nicht bei sich halten und alles anfassen müssen. Es gibt immer Leute, die bei einer hektischen Drehung eine Büste vom Sockel hauen könnten. Die Kunstwerke sind etwas wert und wollen gebührend bewacht werden. Während in den Museen Münchens das Aufsichtspersonal sich darauf beschränkt, da zu sein, ist hier alles anders. Der Wachhabende in der Stadt ranzt eventuell mal den einen oder anderen Besucher scharf an, wenn er gar zu nah an das ausgestellte Exponat heranrückt. Er insistiert auf Einhaltung des Fotografierverbots (wo vorhanden) oder wird böse, wenn ein Handy Laute von sich gibt oder der vorschul-alte Nachwuchs bildungsbeflissener Eltern sich einen Dreck um Kunst kümmert, sondern quietsch-kreischend durch die Sammlung düst.
Nicht so in Penzberg.
Once a thief, forever a thief – heißt es irgendwo in Les Miserables. Once a teacher, forever a teacher könnte man analog sagen. Das Lehrersein ist diesen Menschen dermaßen in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie gar nicht anders können, als in jedem Museumsbesucher einen zu Belehrenden zu sehen.
Das äußert sich dann darin, dass der Aufsichtsführende (anders als früher auf dem Pausenhof) sehr dicht an die Besucher herantritt und ihn nicht nur anstarrt, sondern auch angrinst. Dieses Lächeln soll – soweit ich das mit meiner eher defizitären kognitiven Empathie – richtig deute heißen: „Gell, das Bild ist doch großartig, in seiner Ironie total gelungen, finden Sie nicht?“
Was wiederum nichts anderes heißen soll, als dass man seinerseits ein Gespräch eröffnen soll. Schließlich hat der StD a.D. gerade nonverbal mitgeteilt, dass er Bescheid weiß und sein Wissen gerne mitteilen möchte.
Und selbst, wenn man das nicht tut, und sich eisern in Schweigen und möglichst ausdruckslosem Gesicht vor das Bild stellt, gibt es Übereifrige, die ungefragt, losdozieren. Ich hasse diese Intensivbetreuung.

Ich will sowas nicht, ich will nicht belehrt werden. Ich will einfach still und ergriffen Kunst betrachten, mit den Augen auf Suche gehen, selbst entdecken, selbst erkennen.
Während meine Frau genug Anstand an den Tag legt, auf derartige Ansprachen zu antworten und sogar ein wenig Small Talk erwidert, nutze ich die Gunst des Augenblicks und gehe einfach wortlos weiter. In den nächsten Raum.
Wo Ruhe herrscht – bis der nächste Oberlehrer, der das Türknarren gehört hat, angeschossen kommt, die Exponate zu bewachen und einem sein Wissen aufzudrängen.

Die Grützke-Ausstellung trägt den Titel eines Zitats, allerdings unvollständig. Vollständig heißt es:

Werdet wie ich: Werdet wichtig!

Das ist genial. Das werde ich sofort umsetzen. Wichtige Leute werden nicht dauernd angequatscht. Vor allem nicht von pensionierten Lehrern. Die können sich in aller Ruhe das Highlight der Ausstellung ansehen: Die Büste Roter Kopf aus Ton aus dem Jahr 2001. Die gefällt mir so gut, dass ich sie am liebsten einpacken und mitnehmen würde.

Doch gut, dass sie so scharf bewacht wird. Sonst würde ich vielleicht in Versuchung kommen. In der heimischen Stube würde die sich nämlich auch ganz gut machen…

 


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3 Antworten

  1. Toller Tipp. Ich liebe Grützke seit fast vierzig Jahren. Den Artikel in der SZ habe ich übersehen. Auf die Idee ihn in Penzberg zu finden wäre ich wohl nie gekommen. Das werde ich nun tun. Und seit ich den Microsoft Translator für mich entdeckt habe sind auch die Bilderwächter kein Problem mehr. Mein Smartphone fragt dann einen der Oberlehrer „nuqneH, tlhlngan Hol Dajatlh’a“ und Ruhe ist. Selbst wenn sich ein alt- oder neusprachliches Gymnasium in der Nähe befinden.

  2. Susanne sagt:

    Wunderbar aufs Korn genommen. Offenbar gab es kein Fotografierverbot, das die Herren Oberlehrer mit erhobenem Zeigefinger durchsetzen mussten. Es wäre Ihnen bestimmt eine Freude gewesen.

  1. 19. März 2018

    […] und Pfaffenwinkel. Nicht, weil ich extra dorthin gefahren bin, nein: Wir waren sowieso in Penzberg, um dort Grützke zu sehen. Also kommen flugs ein Abstecher nach Benediktbeuern samt Rundgang durch die alten […]

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