I am too old for that shit

Lumbersexuell ist ein Trend, der sich auch schon wieder überholt hat. Rund vier Jahre ist es her, da löste er die metrosexuellen Männer ab, da hatte plötzlich der Mann nicht nur eine Werkzeugkiste im Schrank, sondern auch eine Axt. Er trägt karierte Hemden, hat einen langen Bart und ist den ganzen Tag in der Natur draußen, wie es die Storyfilter-Seite so treffend formulierte. Nun muss weder man noch Mann jeden Scheiß mitmachen. Manchmal genügt es, mit den smarten Worten von Roger Morthaugh abzuwinken: „I am too old for that shit“ – jenes legendäre Filmzitat, in verschiedenen Varianten immer wieder gesprochen von Danny Glover in den Lethal Weapon Filmen. Damals war Glover übrigens noch nicht mal 50 Jahre alt. Und trotzdem fein raus.

Der Peak des lumbersexuellen Mannes mit Hipster-Bart ist zwar lange überschritten, Spuren dieses Trends aber lassen sich auch heutzutage noch beobachten. Auch beim Babyschwimmen.

Babyschwimmen?

Nicht, dass sie jetzt denken, dass ich als angegrauter, distinguierter Herr zum Babyschwimmen gehen würde. Meine Erfahrungen mit dem Thema liegen über 20 Jahre zurück.
Damals, als wir noch in Wiesbaden wohnten, zog es uns jeden Sonntagmorgen quer durch die Stadt ins Frei- und Hallenbad Kleinfeldchen zum Babyschwimmen, das, wie mir ein schneller Blick auf die Website verrät, übrigens immer noch genauso angeboten wird.
Das Ganze fand gottseidank unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, das Bad schloss morgens um 10 Uhr und öffnete wieder um 13.00 Uhr, damit die Muttis und Vatis mit ihren Nachkommen unter sich bleiben konnten. Auch das hat sich nicht geändert.
Gelegentlich, das sei noch angemerkt, endete damals Babyschwimmen bereits früher und ziemlich abrupt, denn Aquawindeln kamen damals erst auf und so schwamm in seltenen Fällen neben den Eltern und Babys noch etwas Anderes, eher Unappetitliches mit im Wasser.

Nun haben sich die Zeiten geändert, wir wohnen nicht mehr in Wiesbaden, meine erwachsenen Töchter haben kein Interesse mehr an familiären Babyschwimmveranstaltungen und wenn das irgendwann wieder kommen sollte, dann sind wir als Großeltern ohnehin raus aus der Nummer. Mit Fug und Recht darf ich sagen: „I am too old for that shit“.I am too old for that shit - auch fürs Babyschwimmen

Als unbeteiligter Zeuge einer Babyschwimmveranstaltung allerdings bleibt mir die Münchner Spielart nicht verborgen. Anders als in der hessischen wird in der bayerischen Landeshauptstadt für das Babyschwimmen nicht die ganze Halle gesperrt. Babyschwimmen findet in Giesing-Harlaching einem abgetrennten Kursbecken statt. Aber die Vatis und Muttis ergießen sich als Menschenmasse mitsamt Nachwuchs, Babysitzschale, Wickeltasche, Flaschenwärmer und pipapo in der ganz normalen Schwimmhalle über sämtliche Liegen und Stühle. Und so wird man auch als Schwimmer unbeabsichtigt Zaungast des Treibens.
Rigoros werden dabei Reservierungshandtücher abgeräumt (was mir wurscht ist) oder Sporttaschen, die man auf eine Mauerkannte gestellt hatte, umplatziert, so dass man seine Sachen erst nicht wiederfindet und dann auch keine Lust hat, sich nach dem Schwimmen in dieser nach Babypuder, Milchpulver und Windelfüllung muffenden Menschenmasse niederzulassen.
Natürlich sind alle überpünktlich da, wir haben es ja nur mit überaus gewissenhaften Eltern zu tun, natürlich findet im Kursraum noch das Babyschwimmen der früheren Gruppe statt. Also lauern einige Muttis, nicht wenige altgebärend, vor der Glastür auf Einlass, alles drängt und quetscht sich aneinander vorbei, als die vorangegangene Gruppe endlich fertig ist. Einige stolpern über schwimmbadeigene Buggys, andere über ein Dutzend Autositzschalen, die überall herumstehen. Mitnichten lassen die Jungeltern erst einmal die anderen aus dem Raum. Das ÖPNV-Konzept Erst aussteigen lassen kennt die Klientel nicht. Woher auch? SUV-Fahrer-Menschen wissen es eben nicht besser und mit dem ÖPNV kommt natürlich niemand zum Schwimmbad. Warum auch? Wir sind schließlich im Münchner Süden.

I am too old for that shit - auch fürs Babyschwimmen

Und schon sind wir wieder bei den lumbersexuellen Männern. Die nämlich schwirren ganz wundersam entschleunigt um ihre Kinder herum und säuseln unentwegt auf die Kleinen ein, als sei es ihr erklärtes Ziel, sie bereits in frühestkindlicher Phase durch verzerrte Stimmlage, affektierte Sprache und klangbreiige Halbwortlaute zu kompletten Vollidioten heranzuziehen. Nicht weniger säuseln andere Lumbersexuelle auf ihre pferdebeschwanzten Gattinnen ein, wenn diese sich auf einer der wenigen Liegen lang machen, um den Kindern vor dem Schwimmen noch einen muttermilchigen Imbiss zu verabreichen, den Prinz und Prinzesschen lautstark reklamieren.
Dann nämlich sind die Lumber-Papas plötzlich überflüssig und kompensieren das mit viel betont sanftem und sinnlosem Gerede. Mein Favorit: „Du kommst mal kurz ohne mich klar? Dann geh ich schnell mal duschen!“

Einige blasshäutige Männer mit vielen Tätowierungen auf dünnen Armen und Waden, Karoshorts (statt Karohemden) und löchrigen Vollbärten (lumber eben) schleppen ihre Kinderpakete mit unter die Dusche. Sie nesteln minutenlang an der Wassertemperaturregulierung herum, mal ist es einen Tick zu kalt, dann wieder bei einer winzigen Drehung viel zu heiß. Haben sie endlich alles optimal temperiert, versiegt der Strahl und das Spiel geht von vorne los. Schließlich hüpfen sie samt Zwerg einmal kurz unter die Dusche und verschwinden dann wieder. Das Kind pressen sie an ihre schmalen Heldenbrüste, schlingen ein Handtuch um sich und den Fratz, bevor sie mit selbigem gleich ins Kursbecken steigen und wieder nass werden. Aber auf den fünf Metern zwischen Dusche und Becken müssen sie wirklich alles geben, um ihre Kinder vor allerlei tödlichen Gefahren zu schützen – sie kennen sich ja damit ja aus, dass hinter jedem Busch eine Großkatze und in jedem knöcheltiefen Wasser eine Anakonda lauert. Schließlich verbringen sie selbst den ganzen Tag draußen. Abgesehen von der Stunde beim Babyschwimmen natürlich. Und der Zeit im Büro. Und der Zeit im SUV. Und der Zeit im Fitnessstudio, was noch immer keine sichtbaren Erfolge gebracht hat. Und der Zeit daheim, wenn sie Smoothies und makrobiotisches Müsli basteln. Und der Zeit bei Eltern und Schwiegereltern, wenn sie ihr Baby präsentieren. Und der Zeit vor der Playstation, wenn sie virtuell Holzhacken üben. Mit irgendeinem Baum. Denn eine Eiche und eine Esche könnten sie eh nicht unterscheiden. Warum auch?

I am too old for that shit - auch fürs Babyschwimmen

Sagte ich schon I am too old for that shit?
Ja?
Egal, dann wiederhole ich es einfach:

I am too old for that shit. Gottseidank!

 


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2 Kommentare


  1. Ganz wunderbar geschrieben und zutreffend, es ist lächerlich wie sich Eltern heutzutage benehmen, sind wir nicht auch erwachsen geworden 😁 ✋ ? Wir haben doch auch Kinder gekriegt und waren noch in Vollzeit berufstätig dazu, oder 😎

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    1. Ja, stimmt. Ich wundere mich auch langsam, dass wir das überlebt haben. Es ist schon krass, dass es immer extremer wird. Auf der einen Seite Eltern, denen alles völlig wurscht zu sein scheint, was mit ihrem Kind passiert, und auf der anderen Seite Eltern, die ihren Blick dermaßen auf sich selbst und ihre Kinder gerichtet haben, dass sie überhaupt nicht mehr wahrnehmen, dass es auch noch andere Menschen um sie herum gibt. Und wenn doch, dann haben all die anderen sich gefälligst komplett diesem Elternsein und den daraus resultierenden Bedürfnissen unterzuordnen. Erfüllt man diesen Anspruch nicht, ist man kinderfeindlich hoch zehn.

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