Hauptsache Häuptling

Hövding ist schwedisch und bedeutet übersetzt in etwa: Häuptling. Wer jetzt aber dabei an Halvar denkt, den unerschrockenen Häuptling der Wickinger um den blitzgescheiten Wickie, der liegt gerade falsch. Auch der Gedanke an Ragnar Lodbrok und seine  Auseinandersetzungen mit Jarl Haraldson, dem Stammesführer aus der TV-Serie Vikings führt komplett in die falsche Richtung. Nicht einmal Hägar, der Schreckliche ist richtig. Denn der Häuptling, um den es hier geht und der den Namen Hövding trägt, ist weder Anführer noch Kriegsheld, zieht nicht auf Raubzüge und hat auch kein Interesse daran, mit Drachenbooten Richtung Amerika zu segeln. Es geht um ganz etwas anderes: Um einen Helm. Etwas, was man sich auf das Haupt packt, so wie man Fäuste in Fäustlingen versenkt und Füße in Füßlingen. Ein Häuptling eben. Davon erzählt mir Kollegin Marie, die selbst aus Schweden kommt – also muss sie das wissen.

Helme tragen bzw. trugen zwar auch Wikinger, aber der moderne, zivile Freizeitmensch setzt selbige nur noch zu wenigen Gelegenheiten auf: Ski- und Snowboardfahren, Reiten, und Motorradfahren. Einige tun das auch beim radeln. Nun ist es aber nicht Jedermanns Geschmack, sich einen Plastikdeckel auf den Kopf zu drücken, seine Frisur damit zu ruinieren und sich vorbildhaft korrekt durch den Straßenverkehr zu quälen.
Es soll – da nicht Pflicht – ja Menschen geben, die sich dem Radhelm verweigern, sogar dann, wenn sie an Schulen oder Kindergärten vorbei fahren und sich damit den heiligen Zorn der Tugendeltern einhandeln. Das sind die, die ihr Kind zwar nicht mit dem Rad sondern dem SUV und folglich helmlos in die Einrichtung bringen, aber würden sie mit dem Rad fahren, dann hätten die Kleinen und sie selbst sicherlich einen Helm auf, eine Warnweste an, blinkende Rundumbelauchtung im Batteriebetrieb am Körper und vermutlich hätten sie weiträumige Straßensperren errichten lassen, damit der kleine Fratz optimal geschützt ist.
So wenig allerdings die Zornesausbrüche der Tugendeltern andere zum Helm aufsetzen veranlassen, so wenig hilft die Kampagne des Bundesverkehrsministeriums:

fahrradhelm-darth-vader-star-wars-bundesverkehrsministerium-dobrindt-verkehrssicherheit
Es nutzt nichts. Radfahren mit Helm – das ist wie Motorradfahrer oder Hühner mit Warnwesten: Absolut vernünftig und trotzdem ab einem gewissen Alter irgendwie genauso uncool wie mit Schwimmflügel in den Badeweiher zu steigen. Star Wars Kampagne hin oder her. Ohnehin kann man sich fragen, welcher vernunftbegabte Mensch sich mit dem Möchtegern Hövding Darth Vader identifizieren will. Man weiß ja, wie es mit ihm ausgegangen ist. Die Macht jedenfalls war nicht mit ihm – trotz Helm und schwarzer Stiefelchen.

Die Schweden haben’s mal wieder erfunden (Nicht die Schweizer). Die Nordmänner, die ja nun bekanntlich nicht nur Fachleute für feinsten Stahl, unzerstörbare Autos, wacklige Selbstaufbau-Möbel und Bjön-Borg-Unterwäsche sind. Sie hören den ganzen Tag Abba und Roxette, erfreuen sich an gräßlichen Morden rings um Ystad, überzogen im siebzehnten Jahrhundert halb Europa mit Krieg und sind auch sonst für jeden Spaß zu haben. Und genau den haben sie sich erlaubt und sich dabei selbst übertroffen: Denn der Helmersatz Hövding, den der wackere Radfahr-Recke demnächst zu tragen hat, stammt selbstverständlich aus einem Land, in dem Pippi ein adäquater Mädchenname ist, Hundertjährige aus Fenstern klettern, um zu verschwinden und Männer namens Ove die Nachbarschaft terrorisieren. Nichts ist eben unmöglich. Das gilt auch in Schweden.
Und so wird der schwedische Häuptling, der sich wie ein Schalkragen um den Hals legt, mit den allerblumigsten Worten Radfahrern angepriesen:
Endlich: der weltweit erste Airbag für Fahrradfahrer:

indexDer wohl sicherste (und attraktivste) Schutz vor Kopfverletzungen, den es gibt.
Mit nichts anderem zu vergleichen: Hövding ist ein Fahrradhelm, den man nicht sieht. Der weder stört, rutscht oder drückt noch die Frisur ruiniert. Denn statt auf dem Kopf wird Hövding bequem (und unauffällig) als Kragen um den Hals getragen. Darin eingebaut: ein Airbag, der sich bei einem Unfall sensorgesteuert öffnet und Ihren Kopf wie eine Luftkissenhaube umschließt. Bereit, einen bevorstehenden Anprall abzudämpfen. Und Ihren Kopf vor Beschleunigungskräften zu schützen, die gravierende Verletzungen verursachen können.

So zu lesen unter anderem beim Conceptsore ProIdee: Dort kann man sich dann auch gleich inspirieren lassen, wie denn ein ca 300 € teurer Höveding eigentlich ausschaut, wenn es denn mal geknallt hat:Hövding - Häuptling

Verlangen Sie bitte nicht, dass ich diese zumindest optische Mischung aus Trockenhaube und 60er Jahre Science-Fiction-Film-Utensil weiter kommentiere. Aufsetzen werde ich so etwas ganz sicher nicht. So viel Hövding brauche ich nicht.
Da halte ich es eher mit den Erzieherinnen eines Kindergartns, von denen mir ein Freund erzählt:  Als dort eine helikopter-elterliche Forderung nach Helmpflicht für Kinder auf Bobbycars aufkam, wurde kurzerhand tabula rasa gemacht und selbige wurden abgeschafft: Also nicht die Eltern sondern die Rutschautos.
Der Irrsinn weitet sich aus. Helm ab zum Gebet.

 

Bilder: Produktabbildungen von Hövding, Bundesverkehrsministerium

8 Kommentare


  1. das ist doch mal eine coole Idee! Den hätte ich auch gerne beim Motorradfahren 🙂
    LG Annette

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    1. Eine Bauchschußgefahr ist beim Radfahren eher gering. Aber natürlich würde auch ein solcher Pustehelm nicht „bulletproof“ sein. 🙂

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  2. Ich schwimme zwar gerne, aber nicht sonderlich gut und nicht sonderlich ausdauernd. Ich betreibe das Schwimmen nicht als Sport und wenn ein Sportschwimmer behaupten würde, ich schwimme eigentlich gar nicht, sondern bade nur, so wäre das eine Beschreibung, die ich bei näherer Betrachtung als zutreffend bezeichnen und mich nicht dagegen wehren würde.

    Deshalb finden sich in meiner Schwimmtasche Badetasche auch keine Utensilien wie zum Beispiel eine AquaSphere Kayenne Schwimmbrille, eine AquaSpehre Kaiman Ersatzschwimmbrille, eine oder sogar zwei Badekappen, Handpaddle, Pullbuoy, Pullkick, Earplugs, Stoppuhr, Badeente, Unterwasserkamera und SaferSwimm-Boje, die Sportschwimmer gerne an das Gewässer ihrer Wahl schleppen, nur um mal baden schwimmen zu gehen. Ich brauche praktisch nur ein Handtuch und eine Badehose – wenn überhaupt. Ich käme aber nicht auf die Idee, mich über die Ausrüstung von Sportschwimmern lustig zu machen. Ich denke, dass Sportschwimmer ihren Sport eben ernst nehmen, Freude daran haben und eine gute und vollständige Ausrüstung der Freude zuträglich ist. Ich empfinde Respekt für jeden, der seinen Sport liebt und ihn ernsthaft betreibt.

    Ich fahre stattdessen MTB und Rennrad. In meiner Biketasche befinden sich zur Zeit unter anderem: Regenjacke, Regenhose, Energieriegel, Getränkeflaschen, Trinkblase, Sportbrille, Buff Tuch, kurze Handschuhe, lange Handschuhe, Verbandsmaterial, LED-Strahler für den Night Ride, Ersatzakkus für die Lampe, diverse Werkzeuge, diverse Ersatzteile, Geldbeutel, Schlüssel, Handy, manchmal Knieprotektoren und – ein Helm.

    Für Sie ist das natürlich alles Tinnef. Insbesondere der Helm. Vernünftig zwar, aber so uncool wie Hühner mit Warnweste und Baden mit Schwimmflügeln. Sie sind ja der Meinung, der moderne und zivile Freizeitmensch setzt einen Helm nur zum Ski- und Snowboardfahren, Reiten und Motorradfahren auf. Sie scheinen mir der Vorstellung anzuhängen, mit Ihrer zehnminütigen Spazierfahrt auf den Wochenmarkt den Begriff „Radfahren“ vollumfänglich erfasst zu haben. Ich darf Ihnen versichern, dass dem nicht so ist. Es geht deutlich schneller, weiter und ausdauernder, deutlich steiler, ruppiger und – ja – risikoreicher. Ungefähr so viel risikoreicher, wie das Schwimmen im Atlantik im Vergleich zum Planschen im Nichtschwimmerbecken des örtlichen Hallenbades. Merken Sie was?

    Den Hövding würde ich mir aber trotzdem nicht zulegen. Für’s MTB ist er denkbar ungeeignet, weil man da doch häufiger mal unfreiwillig abgeht, ohne dass der Kopfschutz wirklich erforderlich wäre, und beim Rennrad wäre mir die Gefahr zu groß, dass der Helm in einer Kehre in Schräglage auslöst, wenn ich es am wenigsten benötige. Dann doch lieber Hartschaum.

    Winke winke mit dem Handpaddle!

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  3. Ich trage einen Helm. 1994 hat er mir den Schädel gerettet, als ich am See zur Arbeit fuhr. Es war Niedrigwasser aber der kleine Pfad war mit Algen und Entendreck überzogen und in der Kurve riss es mir die Räder weg. Zack. Schnell ging das. Ich mit dem Kopf an den Obstbaum. Helm mit tiefer Delle und Schrottwert. Ohne Helm sagte mir der Arzt, wäre das anders ausgegangen. Ich glaubte ihm.
    Meine Dame letzten Winter. Die Rheinbrücken sind für den Architekten sicher schön gebaut zum Rad fahren völlig daneben. Endlose Schnecken sind die Radwege, unübersichtlichlich und vor allem im Winter nicht gestreut.
    Zack, in der Kurve, mit dem Hinterkopf auf dem Boden aufgeschlagen. Das kleine Rücklicht an dem Helm in 1000 Teile.
    Dann war da noch M. Eine Freundin. Ohne Helm fuhr die letzten 20 m auf dem Gehweg zum Bäcker. Ein Kind kommt aus dem Grundstück mit dem Rädchen.
    Dem Kind ist nichts passiert. Sie stürzte im Fußgängertempo. Intensivstation, künstliches Koma, Schläuche im Körper.

    Der Helm sollte freiwillig sein, ich fahre im Stadtverkehr nur mit Helm. Ich fahre von Ludwigshafen nach Mannheim zur Arbeit. Wer da schon mal fuhr, weiß „Es ist egal wie langsam oder schnell ich fahre, dass Auto fährt 50 km/h wenn man Glück hat“
    Wer in Physik aufgepasst hat, weiß, dass es egal ist wer die 50km/h drauf hat, der Vektor ist auf jeden Fall ungünstig.

    Ach und wie das aussieht? Ich hatte in den 80er einen Irokesen ich kann mit sowas locker umgehen. Manche Leute binden sich Dinge um den Hals und sagen „Krawatte“. Ich muss da immer lachen. Andere kaufen sich teure Autos ohne Dach. Das haben sie dann aber geschlossen weil es kalt ist, es regnet, die Sonne so sehr scheint.
    Also was die Leute so denken, wie ich rumlaufe. Das hat mich eigentlich noch nie interessiert. Man soll diesen Spacken gefallen. Warum?
    Also Helm wer will. Nur Autofahrer tragen Sicherheitsgurt und Gürtel gleichzeitig, so der hinkende Vergleich.

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