Weil bald Ostern ist: Von Hasenbroten und Hasentellern

Weil bald Ostern ist heute etwas Hasiges:

Hasenbrote kenne ich nur vom Hörensagen,  einen Hasenteller habe ich selbst.

Hasenbrote nannte man früher die Butterbrote, die der Familienvater morgens mit hinaus nahm auf de Weg ins feindliche Leben, zum wirken und streben, zum pflanzen und schaffen, erlisten erraffen, dem wetten und wagen, das Glück zu erjagen… womit ich endlich mal Friedrich Schiller in diesem Blog zitieren konnte. Wurde ja auch langsam Zeit.

Nun schillerte man schon in meiner Kindheit nicht mehr in der Schule mit der Glocke herum. Daheim zitierte meine Großmutter gern die ersten Textzeilen und gab dabei vor, das Lied von der Glocke vollständig rezitieren zu können. Auch Helga, die Cousine meines Vaters, zitierte gern in Bildungsbeflissenheit Versatzstücke aus der Glocke. Überprüft hat es freilich nie jemand und die beiden die ganze Ballade memorieren lassen. Vermutlich wollte, sofern sie es gekonnt hätten, das sowieso niemand hören und ein Buch mit Gedichtn, um die Textsicherheit durch Mitlesen zu überprüfen, hätte sich im Schrank meiner Eltern damals wohl nicht finden lassen.

Daraus gelernt habe ich, einfach ein paar Brocken aus irgendwelchen bekannen Texten in die Gespräche einzuwerfen um so Anerkennung für meine vorgetäuschte Bildung einzufahren – wohl wissend, dass sich niemand von mir einen Osterspaziergang aus dem Faust eine Ballade von Fontane oder ein Brechtgedicht in ganzer Länge aufsagen lässt.
Mit Hasenbroten hat das Ganze nun gar nichts zu tun. Und das ist gut so.
Das echte Hasenbrot war nämlich das, was der Familienvater unangerührt abends wieder mit heim brachte, weil er vor lauter Mammjutjagen nicht dazu gekommen war, es zu essen. Aber er hatte es vor den gierigen Fängen des Säbelzahntigers verteidigt – nur, um es daheim in der Siedlung den Stallhasen zu verfüttern. Das ging allerdings nur, falls es nicht die eigenen Kinder vorher in die Finger bekamen, aus der Alufolie, die die Mutter liebevoll um das Brot gewickelt hatte, rissen und verschlangen.

hasenbrotIch war nie ein Fan von Bütterken, wie man Butterbrote in meiner Heimat gern nannte. Zwar hatte ich als Kindergartenkind eine Buttertasche (gibt’s sowas eigentlich noch?), aber da war mehr Obst drin als Brot. Denn das Bütterken, das bisweilen auch Knifte oder Pöhle hieß, hätte ich sowieso nicht gegessen. Meine Mutter hatte das schnell mitbekommen.
Während später meine Mitschüler in der Grundschule ihr Bütterken in der Mülltonne auf dem Pausenhof versenkten, damit daheim Mama nicht merkte dass sie es wieder nicht gegessen hatten, hat meine Mutter klüger. Sie hat mir die Lüge, dem Brot den Mülleimertod und dem Haushaltsgeld unnötige Ausgaben erspart. Bananen, Mandarinen, Apfelspalten oder Toastecken mit Käse oder Voop-Nuss-Nougat-Creme (keine echte Nutella, die war zu teuer!) – alles bekam ich mit. Nur kein Graubrot mit Wurst, verwöhntes Blag halt, das ich war. Und die Glocke hab ich auch nie gelernt.

Während ich Hasenbrote im Leben nicht angerührt hätte, esse ich Nutellatoaste auch heute noch gern. Hin und wieder auch von meinem Hasenteller. Der ist mindestens 45 Jahre alt, hat alles überstanden. Und ja: Er gehört mir. Es ist ein Relikt aus meiner Kindheit. Viele Jahre stand er in der Küche unseres kleinen österreichischen Ferienhauses. Bevor es ausgeräumt und verkauft wurde, hat mein Bruder den Teller gerettet und mir mitgebracht. Ich war begeistert und gerührt.

Selbstverständlich benutze ich den Teller immer noch, es ist ja nur ein Stück Porzellan, ein Gebrauchsgegenstand und kein Kultobjekt für eine Vitrine. Selbstverständlich landet er nach der Benutzung in der Spülmaschine. Dürfte man ihn nicht mit der Maschine spülen, wäre der Teller in unserem Haushalt falsch. Aber so verblasst nach und nach der politisch inkorrekte, Pfeife rauchende Hase. Das ist der Zahn der Zeit, der an ihm nagt, wie an mir. Irgendwann ist der Hase vielleicht weg. Irgendwann bin ich auch weg. Das gehört so.Hasenteller

Bis dahin werde ich den Teller aber sicher noch zig Mal benutzt haben. Anders als das Silberbesteck mit dem eingraviertem Namen und dem Datum meiner Taufe, das ich zur selbigen von meinem Patenonkel bekam. Irgendwie machte man das früher wohl so mit diesen Bestecken.
Und da der Pate leitender Oberstaatsanwalt war (und natürlich das Lied von der Glocke auswendig konnte und mit einen Band Deutscher Gedicht schenkte, damit ich mich der Lyrik zuwenden konnte), musste es eben silber sein. Lange habe ich das Besteck tatsächlich benutzt, fast zu jedem Mittagessen. Aber während mein Bruder von seinem Paten ein Besteck (auch mit Namen und Taufdatum) in der richtigen Erwachsenengröße bekam, hat’s bei mir nur für die kleinere Kindervariante gerreicht. Als Heranwachsender war mir das dann irgendwann zu doof, immer noch mit einem Kinderbesteck zu essen.
Seitdem liegt es in irgendeiner Schublade und läuft an, wie Silber das eben so macht. Ich sehe keinen Grund, es in Ehren zu halten, zu putzen oder gar zu benutzen. Da ist mir mein Hasenteller lieber. Den nehme ich sogar besonders gern aus dem Schrank, zum Beispiel, um einen Schokohasen darauf zu schlachten. Am liebsten den mit der Glocke, aber nicht der in der Erde festgemauerten in der aus Lehm gebrannten Form.

Frohe Ostern, Ihr Hasenköppe.

Hasenkopf


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1 Antwort

  1. // Heidrun sagt:

    Na, mit der Auswendig-Lernerei-zum-Herunterrasseln hatte ich’s auch nicht… ;)

    Interessant und detailliert erzählt, finde ich das Hasenbrot. Schön, dass sich noch jemand an die alten Begriffe erinnert! Setze ich doch später am Tag das Wort mit einem Link zurück auf meinen Post…

    Ein herzlicher Sonnengruß… vonHeidrun

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