Harald zählt nicht

Das Jahr ist zu Ende, Silvester naht. Es wird allerhöchste Zeit, sich mit dem Notwendigsten einzudecken. Der halbe Landkreis trifft sich mittags im Supermarkt, da dürfen wir natürlich nicht fehlen. Feuerwerk muss eingekauft werden, warum schließlich ist man ein echter Knaller?
Silvester-RaketenNicht, dass das Feuerwerk am Silvestertag günstiger wäre, weil es weg muss. Aber die Tage zuvor haben wir mit allerlei anderen Dingen verbracht, von denen hier später noch die Rede sein wird. Dazu gehört unter anderem eine Begegnung mit einer Renate-Familie auf der Rübezahl-Alm in Ellmau, doch davon werde ich wie gesagt später berichten.

Als wir am Silvester-Mittag den heimischen Edeka ansteuern, herrscht in der Tiefgarage das blanke Chaos. Und das bedeutet, dass wir das Auto dort abstellen, wo wir noch nie vorher geparkt haben, aber etwas anderes bleibt uns nicht. So irren wir ziel- und hilflos umher bis wir endlich den Ausgang zu den Rolltreppen und damit den Weg in das pure Einkaufsvergnügen gefunden haben. Meine Frau hat allerlei Zubehör für den Silvesterpunsch auf dem Zettel. (Ja, bei uns gibt es erstmals Silvesterpunsch. Ich erwarte eine Feier ähnlich wie bei Ein Herz und eine Seele). Feuerwerk fällt in meine Zuständigkeit. Die Aufgaben sind klar verteilt. So etwas nennt man Teamwork.
Renate macht auch Teamwork, nur hat sie das klüger angestellt. Sie ist bereits vor dem Haupteingang ausgestiegen, hat Harald allein auf Parkplatzsuche geschickt und nutzt die 10 Minuten Vorsprung, um wertvolle Beute im Verteilungskampf der letzten Lebensmittel vor dem Feiertag zu machen. Das war clever, schließlich gibt es ja nach Neujahr nichts mehr… möchte man meinen, wenn man sieht, was die Leute alles in ihren Einkaufswagen in die Garage karren.
Harald, der sowieso zu blöd ist, um nur irgendwie hilfreich zu sein beim Einkauf (wovon hier schon öfter die Rede war), zieht sich ins Kaffeeröster-Paradies zurück. Dort treffe ich ihn wieder. Er schaut sich um, entdeckt ein Funkthermometer und ist ganz angetan. Renate wieder weniger, als sie ihren Gatten mit dem Thermometer in der Hand erwischt.

„Mensch Harald…“ schaut sie ihn streng an. „Wir hatten doch gesagt, wir wollten nie wieder ein Elektrogerät von T. kaufen.“
Harald nickt schuldbewusst. Trotzdem setzt er zu einer Verteidigung an: „Aber das ist doch praktisch. Da können wir den Fühler in den Garten legen und wissen, wie kalt es draußen…“
Er bringt seinen Satz nicht zu Ende. „Wenn ich das wissen will, schau ich aus dem Fenster!“ unterbricht ihn Renate. „Außerdem hält das Teil doch sowieso wieder nur zwei Wochen. Dann ist es hin.“
Harald legt das Thermometer zurück.
„Denk mal an das Duschradio. Wie lang hat das noch mal gehalten?“ fragt sie ihn provozierend. „Oder der Nasenhaarschneider. Wie oft hast Du den benutzt?“
Mein Kopfkino spielt mir Bilder ein, die ich jetzt lieber nicht sehen möchte. Es wird Zeit, dieses Herzstück des Supermarktes zu verlassen und mich auf den Weg zum Feuerwerk zu machen. Wer weiß, ob es überhaupt noch was gibt…
Seit Jahr und Tag feiern wir in immer ziemlich gleicher Konstellation mit Freunden Silvester. Die Rollen, die Aufgabenverteilung, der Ablauf des Abends – alles ist streng geregelt, weil es sich so bewährt hat. Der Eine kümmert sich um’s Essen, der andere um’s Trinken. Das Feuerwerk besorgt jeder selbst. Das werde ich jetzt machen, schließlich sind wir aus genau diesem Grund hergekommen.
Während meine Frau also das notwendige Zubehör für den Silvesterpunsch zusammensucht, wähle ich zwischen Raketen und Kanonenschlägen, Silberfontänen und Knallfröschen. Die Sorge, es gäbe nichts mehr, ist unbegründet. Ein Mitarbeiter rollt einkaufswagenweise frische Ware heran,
Im Kassenbereich treffen wir Renate und Harald wieder. Geschickt, wie ich das eingefädelt habe, stehen die beiden direkt vor uns. Er wartet schicksalsergeben auf das, was da kommen wird. Und es kommt mit Macht.
Als Renate nämlich die Ware auf das Band gelegt hat, faucht sie: „Wieso denn nur eines?“
Harald reagiert verwirrt. Das kann er gut.
„Wieso hast Du nur ein Paket Zinngießen gekauft?“ fragt sie ihn, während die Kassiererin ihr den zu zahlenden Betrag zuruft.
Um also ein zweites zu holen, ist es jetzt zu spät.
„Harald. Wir sind dieses Jahr zu acht. In dem Paket sind nur sechs Figuren zum Einschmelzen. Das reicht nicht.“
Da hat sie Recht. „Gudruns Cousine ist doch auch dieses Jahr dabei mit ihrem Mann. Da hast Du natürlich mal wieder nicht dran gedacht, oder?“
Harald sinkt noch tiefer in sich zusammen. Natürlich hat er nicht daran gedacht. Oder es hat ihm einfach keiner erzählt. Oder er hat seine Ohren einen Moment zu oft auf Durchzug gestellt. Aber ehrlich: Kann man ihm das verdenken?
Kassenschlange„Kannst Du nicht wenigstens einmal mitdenken? Jetzt kannst Du noch mal zurück und ein weiteres Paket holen und Dich wieder anstellen. Ich bring das Zeug in der Zwischenzeit schon mal ins Auto.“
In dem Moment wird mir heißkalt. Verdammt. Ich habe auch nur ein Paket gekauft. Und wir sind zu siebt. Das geht also niemals auf. Jetzt bin ich also an der Reihe…Feuerwerkskörper
„Macht nichts“, meint meine Frau, als ich mein Missgeschick kleinlaut zur Sprache bringe. „Dann gießen wir beide eben eines zusammen!“
Nein, liebe Leser, ich habe in diesem Moment nicht einfach nur Glück gehabt. Ich habe bei der Partnerwahl die richtige Entscheidung getroffen… und keine Renate geheiratet. Es wird Zeit, das mal zu erwähnen!

Happy New Year.

1 Antwort

  1. Zeilentiger sagt:

    Glückwunsch zur Partnerwahl!

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