Geduldsgrenzen – Radiohören ist eine Herausforderung

Musik – so heißt es – überwindet alle Grenzen. Das ist ein Irrtum, die Grenzen meiner Geduld zum Beispiel nicht. Wer wie ich zu den Berufspendlern im eigenen Auto gehört, hat einen relativ hohen Musikverbrauch. Ok, das haben die vollverstöpselten ÖPNV-Nutzer auch. Während diese sich mit ihren iPods, iPhones oder MP3-Spielern beschallen lassen, als sei ihr Kopf die Münchner Olympiahalle oder die Londoner Royal Albert Hall, greife ich im PkW zu dem guten alten Silberling, nämlich der CD. Leider ist das Repertoire überschaubar, so groß die Sammlung daheim auch ist, im Auto befinden sich merkwürdigerweise immer nur die CDs, die ich gerade nicht hören oder nicht schon wieder hören will. Zum hundertsten Mal Johnny Cash ist ebenso nervtötend, wie zum hundertsten Mal AC/DC, Felix Mendelssohn-Bartholdy oder die Dreigroschenoper.

Mein iPod, der falsche Hund, ist da leider kein geeigneter Fahrtenbegleiter. Wenn immer ich ihn auf „random“ stelle, spielt er mir garantiert nur die Sachen ein, die ich in dem Moment völlig unpassend finde. Er hat ein Händchen genau den Mist rauszusuchen, den ich längst schon gelöscht haben wollte, so als wolle er mir sagen: „Warum hast Du den Dreck überhaupt draufgeladen? Das hast Du jetzt davon!“ Und im Auto habe ich nun echt nicht den Nerv, auf dem iPod nach geeigneter Musik zu suchen.

Eine echte Alternative ist das gute alte Radio allerdings auch nicht. Aber ich versuche es immer wieder, was meist ein Fehler ist. Seit die Bedienelemente am Lenkrad des Fahrzeugs angebracht sind, ist der Senderwechsel mit einem schnellen Daumenzucken der linken Hand vollbracht, noch ehe der Moderator Luft geholt hat. Mit der Zeit habe ich eine gewisse Übung. Vielleicht ist es nicht die schnellste aller Körperbewegungen, zu denen ich fähig bin, aber viel länger als ein Wimpernschlag dauert es nicht.Kündigt sich in einem Nachrichten- oder Magazinbeitrag zum Beispiel der Name Westerwelle an, dauert es keine Sekunde, bis das Gerät die Frequenz gewechselt hat – zack und weg. Noch bevor der O-Ton eingespielt wird, bin ich zack und weg. So erspare ich mir seit Jahr und Tag das Geschwafel unseres Außenministers. Anderen geht es genauso. Auch sie sind komplett aus meiner Medienwahrnehmung verbannt worden. George Bush z.B. hat seit Jahr und Rag Hausverbot bei mir daheim. Ihm gestatte ich nicht mal via TV den Eintritt in unser Wohnzimmer. Noch bestimme ich, wer auf meiner Mattscheibe zu Gast ist und wer nicht. Nun gut: Seine Bildschirmpräsenz ist deutlich weniger geworden, bei mir ging sie immer gegen Null. Nicht besser ergeht es Dieter Bohlen, Mario Barth und Til Schweiger, um nur die Spitze des Eisbergs zu nennen. Diese Null-Toleranz-Politik habe ich vom TV-Konsum aufs Radio horen übernommen.

Der Reiz, den Sender im Auto mit einem einzigen kleinen Muskelzucken zu ändern, denn der Daumen liegt sowieso genau dort auf dem Lenkrad, wo sich die Funktionstaste befindet, ist immer verlockender geworden. Daumen runter ist die Devise sobald irgendetwas läuft, was mir nicht gefällt: Zack und weg ist es. Leider ist damit meine Geduld für die laufenden Programme auch deutlich gesunken.

Kaum ein Sender hat mehr als zwei Sekunden die Chance, mich zum Hörer zu gewinnen, dann bin ich zack und weg. So kommt es, dass ich auf 50 Kilometern Strecke mehrere hundert mal umschalte – so lange, bis mich alles, was über den Äther kommt, nur noch nervt, das Ganze wohlgemerkt bei etwa einem Dutzend eingespeicherter Sender. Bayern 1 sendet sowieso nur Musik, die jenseits des Hörbaren liegt. Der Sender hat eine einzige Existenzberechtigung: Samstags live aus den Bundesligastadien zu berichten. Da kann ich also gleich durchschalten. Bayern 5, das Informationsradio muss leider ebenso oft weggeschaltet werden. Einmal ein Verkehrshinweis, Wetterbericht und Nachrichtenblock pro Autofahrt ist ausreichend. Die Wirtschaftsnachrichten und Börsennotizen langweilen – zack und weg. Bayern 2 sendet abends Radio Mikro, dem Format bin ich entwachsen – auch zack und weg. Bayern 3, Antenne, Gong, Charivari, Energy… gerade mal ein halber Song, der mir gefällt, wenn ich reinschalte. Dann meistens Werbung. Oder Musik, die ich bescheuert finde. Also zack und weg. Noch schlimmer sind morgens die lustigen Anrufstreiche und Gute-Laune-Moderatoren, die für Stimmung sorgen. Das schaffen sie bei mir sofort: Selbige sinkt auf den Gefrierpunkt – zack und weg. Die Grenzen meiner Geduld sind schnell erreicht, Musik überwindet sie schon lang nicht mehr. Und die aus dem Radio am allerwenigsten

Ein wenig Abwechslung versprach weiland noch Klassik Radio. Aber zig mal auf der Fahrt will man den Claim auch nicht hören, dass man doch bitte entspannt zu bleiben habe. Sorry, liebe Hamburger, das entspannt nicht, das regt auf.

Vollends aus der Fassung aber hat mich aber Klassik Radio, das sich selbst anpreist, „die besten Saiten der Klassischen Musik klangvoll zu intonieren und mit kultivierte Moderatoren das anspruchsvolle Programm von Klassik Radio zu dirigieren“ vor einiger Zeit gebracht. Gesendet wurde ein Interview mit dem chinesischen Pianisten Lang Lang. Ungelogen: Es endete mit der Frage, welche Wäsche Lang Lang nachts im Bett trägt. Will ich das wissen? Muss ich das wissen?

Es reicht: Daumen runter, Radio aus! Wie hieß es noch? Anspruchsvolles Programm, kultiviert moderiert? No comment.

Mir ist das so was von egal, was Lang Lang im Bett anzieht oder ob er sich nackt ins Laken rollt. Mag sein, dass es unter den emsigen haushaltführenden, mittsechziger Hörerinnen des Senders welche gibt, die sich Lang Lang im Seidenpyjama oder Boxer-Shorts oder was auch immer vorstellen möchten. Können sie sich dann bitte beim Haarefärben lassen nicht eine Boulevard-Zeitung geben lassen?

Nee, Leute: Bevor ich mir das anhöre, sing ich lieber selbst im Auto. Hört ja niemand, und wegschalten kann es auch keiner…

2 Kommentare


  1. Bayern2 ist toll! Allerdings nicht zu jeder Zeit! Radio Mikro oder der Zündfunk ist nicht jedermanns Sache. Da gibt es nur eins! Der iPod muss ans Radio und die Hörfunkangebote per Podcast auf den iPod. Ich habe in Ermangelung eines Adapterkabels so einen kleinen Miniradiosender, den ich an den iPod stecken kann, dann mache ich mein eigenes Radio – Viel besser als selber singen!

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  2. Bayern2 ist toll! Allerdings nicht zu jeder Zeit! Radio Mikro oder der Zündfunk ist nicht jedermanns Sache. Da gibt es nur eins! Der iPod muss ans Radio und die Hörfunkangebote per Podcast auf den iPod. Ich habe in Ermangelung eines Adapterkabels so einen kleinen Miniradiosender, den ich an den iPod stecken kann, dann mache ich mein eigenes Radio – Viel besser als selber singen!

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