Fingerfangstellen? Wie albern… Ein Abgesang

Haben Sie das auch gelesen? Den Kommunen fehlt das Geld, die Sicherheit der Spielplätze zu überprüfen. Da die Kommunen aber im Falle eines Unfalls unter Umständen haftbar gemacht werden können, werden viele Spielplätze eher geschlossen als saniert. Spielgeräte entsprechen nicht mehr der DIN Norm. Eine besondere Gefahr stellen Fingerfangstellen dar. Das ist verständlich. Bevor eine Klagewelle die Kommune überrollt, weil so ein paar Zwergerl sich verletzt haben und die Eltern gute Anwalte haben, wird einfach dicht gemacht. Auch eine Art Unfallvorsorge…

Mich stimmt das etwas nachdenklich – wie haben wir es nur ins Erwachsenenalter schaffen können? Wo doch die Welt voller Gefahren war – zum Beispiel eben Fingerfangstellen.

Wir waren acht oder neun Jahre alt, verabredeten uns nach der Schule zum Spielen in Behlers Wäldchen, auf den Schlacken hinter dem Hundeplatz oder der Annaberghöhe. Wir, das waren die Jungs unserer Klasse, meistens vier bis acht, die mal in Indianerklamotten, mal zivil, aber immer mit Fahrtenmessern unterwegs waren.
Heute frage ich mich, wie wir das eigentlich überleben konnten. An den Wald grenzte ein ehemaliger, nur notdürftig eingezäunter Steinbruch. Dort kletterten wir herum, schlugen Versteinerungen aus dem weichen, bröseligen Kalkstein, bauten Buden und Verstecke und lebten eine Kindheit, die entfernt an die Romantik von Tom Sawyer und Huckleberry Finn erinnert.
Oder wir gingen auf die Schlacken, drei Meter hohe alte Erzschlacken, die irgendwann mal auf ein Feld gekippt worden waren, und die sich die Natur so langsam zurückeroberte. Birken wuchsen dort, Brombeeren und allerlei Gestrüpp.
Einmal rutschte einer am Steinbruch ab, stürzte ein paar Meeter und holte sich eine Gehirnerschütterung – es ging glimpflich aus.
Ein anderes Mal geriet ein Lagerfeuer, das wir direkt nach dem Unterricht anzündeten, etwas zu groß. Die anrückende Feuerwehr musste ein paar tausend Quadratmeter brennendes Gestrüpp löschen. Ich muss gestehen, die Streichhölzer hatte ich im Schultornister, sie waren sogar zuvor im Unterricht konfisziert, mir anschließend aber wieder zurückgegeben worden. Damit trifft den Lehrer doch zumindest moralisch eine Mitschuld, oder?
Mit unseren Fahrtenmessern übten wir Messerwerfen auf Bäume. Manchmal sauste die Messerspitze in die Rinde, manchmal verschwand das Messer unauffindbar im Unterholz, was ein großes Drama bedeutete, denn das mussten wir daheim beichten und uns zum nächsten Geburtstag ein neues wünschen, welches dann der Großvater bei „Waffen Becker“, einem Jagd- und Sportwaffengeschäft kaufen ging. Hin und wieder zischte ein geworfenes Messer auch dicht an den Köpfen von einem von uns vorbei. Was hätte da nicht alles passieren können? Tat es aber nicht.
Wir hatten selbstgefertigte Blasrohre aus Kabelrohren, die Reststücke lagen überall auf den Baustellen herum. Zwar hafteten schon damals Eltern für ihre Kinder, das hat uns aber nicht davon abgehalten, an den Wochenenden durch Rohbauten zu streifen und geeignete Rohrstücke zu suchen. Als scharfe Munition verwendeten wir getrocknete Erbsen aus dem Krämer-Laden.
Aus Weidenruten und Perlonschnüren fertigen wir Bögen, mit denen wir Pfeile abschossen. Natürlich keine, mit irgendwelchen Gumminoppen vorne an der Spitze. Die gab’s damals auch schon, aber das war ja Babykram. Statt dessen flogen angespitzte (wir hatten ja Messer) Holzpfeile, die wir aus Zweigen gemacht hatten, durch den Wald. Schließlich darf man nicht vergessen: Mal ging es gegen die Sioux, mal gegen den Sheriff von Nottingham, je nachdem, was gerade im Fernsehen gelaufen war. Da kann man schließlich nicht mit Saugnapfpfeilen antreten!

Wir warfen mit Dartpfeilen auf Bäume und benutzten Fletschen, kletterten im Astwerk umgestürzter Bäume, manschten im Dreck, kosteten Beeren und Blätter, kauten auf Gräsern und Bucheckern. Beaufsichtigt wurde dabei niemand. Schlimm genug, wenn wir unter den Indianerklamotten wärmende Strickjacken tragen mussten. Mehr aber war es nicht. Sicher: Hin und wieder kamen mal Spaziergänger vorbei, und einmal warf sich ein rüstiger Rentner in eine handfeste Auseinandersetzung zwischen uns und einer anderen Gruppe Jungs, aber das war’s auch schon.
Es gibt Grundschulfotos, aufgenommen im Sommer, da stehen alle Jungs in kurzen Hosen, und alle haben Pflaster auf den Knien. Manche Mädchen, die es beim Rollschuhlaufen geschmissen hatte,  übrigens auch. Wir haben überlebt, ausnahmslos und alle.
Angesichts der Meldungen in der Presse über die geprüfte Sicherheit auf bundesdeutschen Spielplätzen wundert mich, dass in den frühen 70er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts nicht wesentlich mehr Todesfälle unter den spielenden Kindern zu beklagen waren. Oder hat man es angesichts der enorm geburtenstarken Jahrgänge einfach nicht wahrgenommen?
Unsinn: Morsche Äste auf Bäumen oder Schimmel und Moos am Holz stellten einfach keine Gefahr dar. Es wusste jeder, dass man erst die Trittsicherheit eines Astes überprüfen musste, bevor man sich darauf stellte oder daran hochzog.

Wollen wir fair sein und Äpfel nicht mit Birnen vergleichen: Spielplätze, wie sie TÜV, Dekra und Co überprüfen, sind in erster Linie für Kinder im Kindergartenalter interessant und werden von solchen genutzt. Für dieses Alter ist ein Wald vielleicht nicut unbedingt der angemessene Spielort, es sei denn, man will Mooshäuschen bauen. Vielleicht weiß auch nicht jedes Stadtkind, dass man nicht jeden Pilz, der aus dem Boden wächst, in den Mund stecken sollte. Aber das haben wir damals auch nicht gemacht, wir wusten das und haben sie mit kleinen Krachern, die Zisselmänner hießen, gesprengt – am liebsten die Boviste, das staubte so schön.
Viele innerstädtische Spielplätze geben ein eher erbärmliches Bild ab, nicht nur in Hinsicht auf Sicherheit, sondern auch in Hinsicht auf Verschmutzung und inspirationslosen Spielgeräten. Und nicht immer sind Wälder oder Parks in der Nähe, von Steinbrüchen ganz zu schweigen. Die Kids heutzutage haben es einfach viel schwerer, das räume ich ein. Ihre Möglichkeiten sind begrenzter, was aber im Wesentlichen an den Eltern liegt.

Wir haben, da waren wir jünger, mit Sand geschmissen und manchmal auch eine Handvoll in den Mund genommen. Wir waren mit unseren Kinderrädern ohne Warnwesten und Helm unterwegs, niemand stand an der Straße, als wir sie auf dem Weg zur Grundschule überqueren mussten und keiner fuhr uns zum Sport oder Musikunterricht. Das soll jetzt nicht heroisch klingen, auch nicht als Verklärung, früher sei alles besser gewesen. Aber früher war vieles einfacher – nicht, weil unsere Eltern oder wir es uns einfacher gemacht hätten, sondern weil sie noch nicht dem Wahn der Überbehütung unterzogen waren.
Kein TÜV hat den Wald überprüft, und das macht auch heute noch niemand – trotzdem ließ es sich dort wunderbar spielen und Abenteuer erleben. Keiner saß auf der Bank am Sandkasten und wachte mit Argusaugen, dass auch ja nicht fremde Kinder Schaufel und Förmchen des eigenen Nachwuchses in die Hand nimmt. Keine Mama-Glucke mischte sich ein, wenn man in der Schlange an der Rutsche nach hinten gedrängt wurde. Das regelte sich alles von ganz alleine. Manchmal eben auch mit einem Fußtritt.
Keine Eltern haben sich eingemischt, wenn es mal zu einer Rauferei oder einem Fahrradsturz gekommen war. Sie spendierten ein Eis und ein Pflaster – und fertig.

Wie gesagt: Wir haben es überlebt. Zwar gab’s ein paar Narben und ich zog mir einen Armbruch zu, es gab einen Wald- und einen Gullibrand, bei dem die Flammen eineinhalb Meter aus dem Kanal hochschlugen, es gab explodierende Pilze und Modellflugzeuge, ein paar zerbrochene Fensterscheiben und  sonstige Kleinschäden. Einmal klingelte der Nachbarn unsere Eltern heraus, weil wir Brüder uns vor der Haustür laut schreiend gegenseitig an die Gurgel gegangen waren, es flogen und trafen den jeweils Anderen Sammelmünzen und Wurfpfeile. Aber es gab keine Toten. Und übrigens; Von gefährlichen Fingerfangstellen hatten wir nie etwas gehört. Aber es hätte uns sowieso nicht interessiert…

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1 Antwort

  1. Das ist alles nur weil jeder sofort einen Schuldigen für seine eigene Dummheit, oder die seines Sprösslings sucht. Die Gemeinde wird verklagt, weil einer von der Schaukel fällt oder sich einen Haxen auf der Wippe bricht.

    Die Gerichte sollten schleunigst einen „Ist halt blöd gelaufen, selber schuld, Depp“ Paragrafen ins Gesetzbuch schreiben und sehr häufig auf diesen verweisen, denn sonst gibt es bei unseren Kindern bald nur noch weichgespülte Helm- und Sicherheitswestenträger, die auch im späteren Leben, nicht mehr die Eier haben mal etwas zu riskieren und danach zu sagen: „Ist halt blöd gelaufen, selber schuld, Depp“

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