Früher war mehr Autoscooter – Ein Abgesang

Autoscooter hatten einmal...
Autoscooter hatten einmal…

Ich kann mich kaum mehr erinnern, wann ich das letzte Mal auf einer Kirmes war. Das muss rund 15 Jahre her sein, damals im „Ländche“, einem dörflichen Landstrich zwischen Hofheim und Wiesbaden. Damals standen wir auf einer Kerb am Kinderkarussell und haben unserer Tochter zugeschaut, wie sie hochkonzentriert ihre Runden drehte.Hier, in der neuen bayerischen Heimat, lasse ich zwar weder das Erdinger Herbstfest noch die Wiesn aus, aber Kirmes ist dann doch etwas anderes. Die bayerischen Volksfeste laufen schon wegen der sehr speziellen Garderobe nach eigenen Gesetzmäßigkeiten. Hinzu kommt der Drang, in den Festzelten auf die Bänke zu springen, Donikkls Fliegerlied und den alten Holzmichl mitzugröhlen. Es gibt auch keine halbwegs akzeptable Currywurst/Pommes, dafür Steckerlfisch und Wiesnhendl en masse.  Schmeckt auch gut,  ist aber eben etwas Anderes als eine Kirmes, wie ich sie aus meiner Kinderzeit kenne.

...eine magische Anziehungskraft.
…eine magische Anziehungskraft.

Ok: Die Fahrgeschäfte waren damals weniger spektakulär aber eben auch weniger teuer. Wir drehten unsere Runden zwischen Schieß- und Wurfbuden, zwischen Verkaufsständen und Karussells und erbettelten Zuckerwatte, Backfischbrötchen oder Currywurst, je nach Uhrzeit. Irgendwo gab’s Ponyreiten und das Ziel unserer Kindheit: Den Autoscooter.
Dahin mussten wir unbedingt. Das war in Mitte der 70er, und wir mussten zu Hause nicht lange bitten. Mein Vater war stolz und froh, mit seinen beiden Jungs auf die Kirmes zu gehen. Das – wie auch die großen Wanderzirkusse auf dem gleichen Platz – hat er immer gemocht. Meine Mutter war froh, ihre „drei Männer“ mal für ein paar Stunden außer Haus zu haben.

Heute ist er nur noch eine Kinderbelustigung...
Heute ist er nur noch eine Kinderbelustigung…

Der Autoscooter war das Größte. Da hingen die Älteren, die richtigen Teenager herum, wir waren ja gerade mal zehn, elf oder zwölf. Cool waren sie, aber sie wussten das nicht, denn das Wort cool hatte seinen Weg noch nicht in die Allgemeinheit gefunden.
Jeans, Cowboystiefel, T-Shirt, Jeansweste, lässig rauchend und alle hatten sie Bräute (ja, das hat man damals so gesagt – erinnern Sie sich bitte an das Wort „Rockerbraut“.) Jeder von ihnen war eine Mischung aus James Dean, Peter Fonda und Marlon Brando, obwohl sie diese wohl auch nur vom Hörensagen kannten. Ihre Zeit war die der Kinoidole Bud Spencer, Terrence Hill, Bruce Lee oder James „Roger Moore“ Bond. Heute würde man sie als Poser bezeichnen.
Wir Kinder hatten Ehrfurcht vor ihnen – und ein wenig Angst. Denn unser Scooter, wenn wir denn überhaupt mal allein fahren durften, war der, den sie in den Kurven schnitten und immer wieder rammten. Das ging so lange, bis mein Bruder sich bei einem provozierten Unfall eine blutige Lippe holte. Ein absichtlicher Auffahrunfall wuchtete ihn aus dem Sitz, er schlug mit dem Kinn auf’s Lenkrad und der Kirmesbesuch nahm ein vorzeitiges Ende.

...mit alles andere als respekteinflößendem Personal.
…mit alles andere als respekteinflößendem Personal.

Und heute?
Autoscooter machen mich melancholisch. Der Charme ist vergangen, die Anziehungskraft vorbei. Cool? Das ist was Anderes. Noch immer spielen die Betreiber die gleiche schlechte Schlagermusik, noch immer sind es nicht die Original-Interpreten sondern irgendwelche schlechten und billigen Coverversionen. Damals wusste ich das, heute vermute ich es.
Die Typen, die einem die zuvor an der Kasse gekauften Chips abnehmen: Als Kind hatten wir höllischen Respekt. Diese Männer strahlten Autorität, durchaus auch auch etwas Verwegenes aus. Wir stilisierten sie zu freiheitsliebenden, herumreisenden Abenteurern, und sie sich selber wohl auch.

Die Karawane ist weitergezogen.
Die Karawane ist weitergezogen.

Was sonst hätte sie dazu veranlassen können, so betont lässig die Scooter nach Gebrauch zurückzumanövrieren? Wir alle haben ihnen nachgeschielt, so wollten wir auch sein.
Dass die Wahrheit eine ganz andere, das wenige Geld hart verdient ist und die Lebensumstände äußerst bescheiden sind, das wissen wir jetzt auch.
Der Chip, den uns unser Vater in die Hand gedrückt hatte, war fast etwas wie eine Existenzberechtigung. Wir achteten höllisch genau darauf, dass wir welche hatten und diese nicht bei der Übergabe runterfallen. Das wäre der Tod vor Scham gewesen. Ohnehin hatten wir größte Sorge, ob wir überhaupt fahren durften und er uns nicht aus dem Scooter geworfen hätte, weil wir ja eigentlich noch zu klein waren.
Diese Schmach und die hämischen Blicke der coolen Typen hätten wir niemals überlebt. Eher hätten wir sterben wollen.
Und heute?

Da drehen höchstens noch ein paar Väter mit ihren Kindern im Grundschulalter einsam ihre Runden. Zuschauen tut fast keiner mehr, schon gar kein Heranwachsender. Vereinzelt zücken Eltern die Kamera. Am Rand steht ein gelangweilter Mitarbeiter, schiebt die vielen unbenutzen Scooter herum oder lungert kaugummikauend und übellaunig an seinem Platz. Fast scheint es ihn zu stören, wenn er dann doch mal zu einem Scooter laufen und einen Chip einsammeln muss. Sie tragen Warnwesten, das ist sicherlich sinnvoll, hat aber die Magie eines Müllmanns. Große Tafeln warnen, man möge bitte seine Kinder unter 8 Jahren anschnallen.

Der Mythos ist tot.
Der Mythos ist tot.

Ja hallo? Früher hätten die gar nicht erst reingedurft in so ein Gefährt.
Lassen wir sie das genießen, so lange es das noch gibt. Schließlich ist es eines der wenigen Fahrgeschäfte, bei denen der Kunde überhaupt noch irgendwas selber machen kann und darf. Wer weiß, wie lange es das noch gibt…

Der Mythos ist tot, die Zeit des Autoscooters ist vorbei… aber das ist meine Kindheit auch.

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9 Kommentare






  1. Ich erinnere mich – jedes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Platz neben dem BP-Parkhaus … Unsere Mütter erwarteten uns mittags nach der Schule zum Essen – aber wir hingen noch am Autoscooter rum. Jetzt ist dort wieder die Konzertmuschel mit festlicher Musik und der Fischbratstand. Ponyreiten gibt’s aber noch!

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  2. Ich erinnere mich – jedes Jahr auf dem Weihnachtsmarkt auf dem Platz neben dem BP-Parkhaus … Unsere Mütter erwarteten uns mittags nach der Schule zum Essen – aber wir hingen noch am Autoscooter rum. Jetzt ist dort wieder die Konzertmuschel mit festlicher Musik und der Fischbratstand. Ponyreiten gibt’s aber noch!

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  3. Darf ich mit, als Einparker oder Chipverkäufer? Die passende Garderobe hätte ich schon!

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  4. Darf ich mit, als Einparker oder Chipverkäufer? Die passende Garderobe hätte ich schon!

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  5. Oh Mann, die Jungs vom Autoscooter waren wirklich cool. Echte Männer mit Marlboro-Attitüde (Achtung: Rauchen kann Lungenkrebs verursachen – das muss man ja heutzutage in Blog-Kommentaren nach der Erwähnung von Rauchwaren hinzufügen). Wie sie lässig einhändig, nur auf der Kante des Wagens sitzend herum rangierten. So wollten wir auch mal sein …

    Die tragen jetzt Warnwesten????? Nächstes Jahr ist Helmpflicht und seit letztem Jahr rauchen sie auch nicht mehr und trinken Roibusch-Tee?? … Sie haben auch nicht mehr in jeder Stadt eine andere, meist minderjährige, Freundin????

    Auf geht’s Lutz, wir kaufen uns enge Jeans, Bomberjacken und Wildleder-Cowboystiefel und pachten uns einen Auto-Scooter … Dann lassen wir die Scorpions und Depeche Mode laufen und zeigen den Kindern mal wieder was echte Kerle sind!

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