Nur kein Neid auf Frau Kratzke

Frau Kratzke (Name geändert) ist ja etwas Besseres. Zumindest denkt sie das. Dabei zeichnet sie sich durch nichts Besonderes aus – nur eben durch die Tatsache, vor Jahr und Tag einen vermögenden Unternehmer geheiratet zu haben. Niemand weiß, was sie vorher war, aber viel kann es nicht gewesen. Sie erfüllt alle Klischees einer Frau, die ihre soziale Stellung durch die Ehe gewaltig angehoben hat und das nun ihre Umwelt spüren lässt. Sie hat es geschafft – in Gegensatz zu den anderen.
Denn Herr Kratzke, der Unternehmer hat schwer was auf der Tasche. Er ist der Einzige in der Region, der sich in der Ober-Liga bewegt: So etwa wie eine Miniatur-Ausgabe eines Flick, Krupp oder Klatten auf dem Lande: Villa in Werksnähe, Chauffeur, Haushaltshilfe, Gärtner.
Von dieser exponierten Stellung zehrte auch seine Gattin. Aber mittlerweile sind die Jahre ins Land gegangen und vieles ist eben nicht mehr so wie früher. Damals nämlich war alles besser:

Frau Kratzke
Schon lange nämlich ist Frau Kratzke nicht mehr die Frau Unternehmersgattin und Herr Kratzke ist auch nicht mehr Herr Unternehmer. Was soviel heißt:  Herr Kratzke hat sich seiner Frau zugunsten einer wesentlich Jüngeren und Blonderen entledigt und seine Firma gegen gutes Salär an einen internationalen Konzern verkauft. So wendet sich eben alles zum Guten – nur nicht für Frau Kratzke.
Denn während ihm der Verkauf das notwendige Kleingeld sichert, um weiterhin herrschaftlich in seiner Fabrikantenvilla zu residieren, sich mit seiner Neuen zu verlustieren und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen, muss Frau Krazke von ihrer „Abfindung“ darben – weit unter Stand und Luxus, den sie einst gewohnt war.
Aber die aus dem Rennen geworfene Frau Kratzke versucht mit Goldkette behangen, Solarienbräunung und Blondierung ihre verlüstig gegangene gesellschaftliche Stellung zumindest in der Kleinstadt einigermaßen zu halten. Sie tritt auf, als sei sie gerade von der Sommerfrische aus San Remo oder einem Wochenende am Lago Maggiore zurückgekehrt. Nach wie vor tritt sie wie eine Prinzipalin auf. Und die Kleinstädter huldigen ihr und spielen die billige Komödie noch immer mit.
Geschäftsleute bedienen sie nicht nur zuvorkommend sondern auch bevorzugt. Frau Kratzke ist es nicht gewohnt, zu warten, geschweige denn, sich in einer Schlange anzustellen – und schon gar nicht hinten.
Hinten ist da, wo das Fußvolk haust. Nicht da, wo sie sich sieht. Wenn einer wartet, dann ist das höchstens der Andere – auf sie.
Schneit sie also in einen der kleinen Läden, dann stellt sie sich nicht wie alle anderen einfach in die Reihe. Sie kürzt ab, indem sie die Kundin, die gerade bedient wird, listig in ein Gespräch über eine dringende Einladung zu einer Tasse Kaffee, die man unbedingt mal wieder zusammen trinken müsste, verstickt.
Und schwupp ist sie die Nächste, die an der Reihe ist. Alle bemerken das, aber niemand regaiert. Das Personal ist sich dieser Vordrängelei natürlich bewusst, aber eine Krazke verärgert man nicht – nicht mal eine ehemalige. Der gesellschaftliche Arm der Kratzkes ist noch immer lang, fast wie der eines Paten. Wer weiß schon, wann Kratzke mal wieder beim Landrat eingeladen wird und geschickt interveniert? Eine Bemerkung von ihm und aus ist’s mit der Genehmigung für den dringend benötigten Anbau. Da kümmert sich der Landrat aber persönlich. Den kleinen Gefallen kann man seinem Spezl schließlich mal tun – schnell mal rüber ins Amt telefonieren ist ja kein Aufwand.
Da kann sich kein kleiner Geschäftsinhaber leisten, Kratzke zu brüskieren. Nicht mal seine Ex.
Die anderen in der Schlange sehen das genauso. Und so lässt man der Kratzke den Vortritt, ohne durch eine Bemerkung einen Eklat zu provozieren und schaut ihrem exaltierten Gehabe zu. Alles wartet, bis Gnä‘ Frau den Laden wieder verlassen hat, danach ist alles wie vorher.
Frau Kratzke rauscht derweil hinaus zu ihrem Auto, das natürlich verkehrsregelwidrig direkt vor der Tür abgestellt ist und die Parkpplatzzufahrt eng macht wie eine Jungfrau oder die Straße von Gibraltar. Wer da durch will, muss seine Karre mit Vaseline einschmieren, wie weiland das legendäre U96…
Und schwupp ist sie vom Parkplatz verschwunden. Die Vorfahrt missachtend biegt sie auf die Straße ein, wird angehupt und braust ungerührt davon.
Grundsätzlich parkt Frau Kratzke wo und wie sie will, die Knöllchen bezahlt wohl der ehemalige Gatte aus der Portokasse. Und auf einen Beinahezusammenstoß lässt sie es allemal ankommen. Warum auch nicht?
Sicher hat der Kratzke-Clan, zu dem sie trotzdem noch irgendwie gehört, eine hervorragende Anwaltskanzlei. Die wird schon dafür sorgen, dass der Unfallgegner im Falle eines Falles entweder mürbe gekocht oder mit einer kleinen aufwandsentschädigenden Zuwendung zum Schweigen gebracht wird.
Die „Ich kann mir das leisten“ Mentalität spricht ihr aus allen Gesten, Bewegungen und ihren Gesichtszügen. Es quillt übelrichend aus allen Knopflöchern ihres Kostümchens.
Solche Menschen gehen mir gehörig auf die Nerven, wenn ich ihnen ausgesetzt bin.
Ihr schlechtes, rücksichtsloses und eingebildetes Benehmen diskreditiert sie, und wenn sie noch so geldig daher kommen. Viel geldiger zumindest, als sie tatsächlich ist, tritt die Kratzke auf. Davon zeugt schon, dass sie statt Jaguar nur einen in die Jahre gekommenen VW Golf fährt. Völlig unstandesgemäß ist das.
Das müsste ihr aber endlich mal jemand sagen…
So ’ne Ex-Kratzke hat’s eben auch nicht leicht.

 


 

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3 Kommentare


  1. Kennt man auch hier in der Kleinstadt, solches Getue. Sind bei mir allerdings an den Falschen geraten. Bin ja eh nur ein Zugezogener…

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