First comes Renate… and then the rest

Renates Englisch ist manchmal etwas radebrechend, was bedeutet, dass sie mit der Grammatik der Sprache ähnlich umgeht, wie im Mittelalter die Folterknechte mit den Delinquenten. Während dem letztgenannten unter dem Rad alle Knochen gebrochen werden, macht Renate mit den Sprachregeln des Englischen Ähnliches; was sie nicht weiter beunruhigt.
„Ist doch egal“, verkündet sie. „Die verstehen schon, was ich will. Wenn nicht, erkläre ich es zur Not mit Händen und Füßen!“.
An Selbstbewusstsein mangelt es Renate nicht, auch nicht, wenn sie wahlweise in Trekkingsandalen oder Bergstiefeln und mit Nordic-Walking-Stöcken ausgestattet durch antike Opferstätten, Hochmoore, mittelalterliche Gassen, über Friedhöfe oder Gebirgspässe ferner Länder stapft.
Renate ist, davon war schon mehrfach die Rede, viel unterwegs in der Weltgeschichte. Das ist ihr gutes Recht. Außerdem weiß man ja, dass Reisen bildet und der Austausch mit fremden Kulturen und Menschen in anderen Ländern den Horizont erweitert… zur Not eben mit Pidgin English oder Händen und Füßen.
Jetzt, bevor die Saison so richtig losgeht, stapft Renate, kaum, dass ein Sonnenstrahl am Himmel zu sehen ist, natürlich auch los. Unter dem Vorwand, einen Sonntagsspaziergang machen zu wollen, lockt sie Harald vom Frühstückstisch weg, mustert kritisch sein Schuhwerk, bemerkt, der Spaziergang könne durchaus ausgedehnter sein, und dann geht es hinaus ins Grüne. Alle Renates machen das… immer.
„Ein wenig frische Luft wird Dich schon nicht umbringen“, hat sie ihm gleich noch mit auf’s Brot geschmiert. Einmal hat er es gewagt, auf diese Bemerkung hin das Fenster aufzureißen und zu antworten: „Nein, natürlich nicht, kommt ja so auch genug ins Haus…“ Da war was los… das kann man sich kaum vorstellen.
Was folgt, sind Gewaltmärsche durch Wälder, an Feldern vorbei, in die Berge oder über den Deich, je nachdem, wo das entsprechende Renate-Exemplar daheim ist. Einfach spazieren gehen ist nicht, das ist nur was für Rentner. Harald stapft schweigsam neben ihr her, was soll er auch sagen, sie redet ja in einer Tour? Außerdem muss er den schweren Rucksack schleppen, bei dem mich wundert, für was man einen solchen bei einem ausgedehnten Spaziergang eigentlich braucht. In ihm ist sicher nichts, was nicht auch in den Taschen der Cargohosen Platz finden könnte. Aber was weiß ich schon davon….
First comes Renate
Also wundert es mich nicht, dass im malerischen Isen-Tal, dort, wo der Fluss erst nur ein Rinnsal ist und dort, wo die Autobahn die Landschaft noch nicht zerstört hat, an einem Frühlingssonntag zahlreiche Musterexemplare der Gattung „Renate und Harald“ unterwegs sind. Allein bei unserem Sonntagsspaziergang (ausgedehnt natürlich! – und direkt nach dem Frühstück) zwischen Isen und Burgrain kommen uns gleich ein halbes Dutzend Paare entgegen, von denen ich immer wieder sage: „Schau mal, auch so eine Renate… Und da, gleich noch eine“.
Die Kleidung der uns entgegenkommenden Renates ist das erste und deutlichste Erkennungsmerkmal. Renate trägt auf gut befestigten Spazierwegen schwere Wanderstiefel, was ungefähr so sinnvoll und passend ist, wie mit einem SUV durch die schmalen Seitenstraßen der Innenstädte zu fahren: Also kompletter Unfug. Sie trägt Cargohosen, einen Fleecepulli und eine Softshell-Jacke. Gern wird dabei weiß mit einem kräftigen Pink zu Cargo-hellgrün kombiniert. Verwegene Exemplare schlingen bereits ihre Jacke angesichts von 16°C um ihre Taille… was das äußere Erscheinungsbild nicht besser macht. Mit Nordic-Walking-Stöcken stochern sie herum und schreiten forsch einher, etwas griesgrämig jeweils ein Harald an ihrer Seite.
Harald war von Anfang an klar, dass der Spaziergang zu einer längeren Wanderung ausartet, aber was hätte er machen sollen? Daheimbleiben? Nein sagen? Das hätte Renate im Leben nicht erlaubt.
Widerstand ist zwecklos gegen diese Frau. Das hat er in den Jahren seiner Ehe gelernt. Wann eigentlich genau er aufgegeben hat, weiß er nicht mehr. Aber Renates Machtübernahme, die Freund Alexander Broy mit einem Putsch vergleicht, ist schon eine geraume Zeit her. Dass Renate geputscht hat, ist weniger ihrer eigenen Gier nach Macht geschuldet. Das äußerst schwache demokratische System ihrer Partnerschaft abzuschaffen war nur die logische Konsequenz: „Es muss ja mal weitergehen!“ So sagt sie immer. „Und Harald bringt ja kaum was voran!“
Jetzt hat sie die Hosen an, bestimmt, wann und wo es wie weitergeht und Harald wehrt sich nicht. Das erspart ihm so manche Diskussion, in denen er sich sowieso nicht durchsetzen kann. Mental ist er längst emigriert.
Im verträumten Isental also, dort wo der Bach murmelt und die Sonne lächelt, steht eine Bank an einer Brücke. Das ist der perfekte Ort für eine Pause und um Renate und Harald aufzulauern. Das Handy mit der Kamerafunktion steckt griffbereit in meiner Tasche. Nachdem ersten Schwung der Renate-Paare auf unserem Weg hoffe ich, an dieser Wegstelle ein mustergültiges Paar fotografisch abzuschießen. Allein: Es kommen Familien mit freiradelnden Kindern, Gassigeher mit freilaufenden Hunden, radfahrerende Senioren… nur eben keine Renate mehr. Das bringt mich während des Wartens ins Sinnieren, wer, wenn sie dann doch noch anmarschiert kommen, als erster über die schmale Brücke am Bach gehen wird.
First comes Renate
Wäre Harald ein Kavalier, würde er seiner Frau den Vortritt lassen: Ladies first. Wäre er ein noch größerer Kavalier, würde er selbst zuerst auf die Brücke gehen, ihre Sicherheit prüfen und dann erst käme Renate. Das ist etwa so wie das Betreten eines für ein Paar fremden Restaurants. Auch hier geht der Herr vor und sondiert mögliche Gefahrenquellen hinter der Tür. Kann ja sein, dass ein Gast ein Schießeisen im Anschlag hat oder der Kellner fragt, on man reserviert habe. Nach alter Schule muss hier der Mann seinen selbigen stehen.
Also auch bei der Brücke, die ja zusammenbrechen und Renate in die Tiefe reißen könnte. Trotzdem bin ich sicher: Sie wäre die erste, die über die Brücke läuft. Erstens: Weil sie den Weg schon hundertmal gelaufen sind und sie weiß, dass die Brücke sie tragen wird. Zweitens: Weil sie eben immer bestimmt, wo und wie es weitergeht… Tempo und Richtung; und Harald sowieso nur hinterher dackelt. Also? First comes Renate – and then the rest.
Schade. Ich hätte es gern gesehen und Ihnen mit einem Fotobeweis dokumentiert. Aber es kommt niemand. Und irgendwann stehen wir auf und machen uns auf dem Heimweg. Schließlich muss es ja mal weitergehen…
First comes Renate

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