Neulich im Baumarkt: Feed me, Seymore!

Für diesen Text hilft es, ein klein wenig mit dem Musical Der kleine Horroladen / Little Shop of Horrors vertraut zu sein. Es ist aber kein Muss.

Dionaea muscipula müsste man eigentlich zu ihr sagen. Das wäre korrekt. Aber die Frau, von der hier die Rede sein soll, nennt sie „Audrey Two“. Das allein lässt mich aufhorchen, denn ich kenne Audrey Two aus dem wunderbaren Musical Der kleine Horrorladen. Dort ist es eine fleischfressende Pflanze, der es zunächst nach Blut, dann aber nach lebenden Menschen gelüstet. Und so finden sich erst der sadistische Zahnarzt Orin, dann der Blumenladenbesitzer Mushnik und schließlich unbeabsichtigt das etwas unbedarfte naive Blondchen Audrey im Schlund der Pflanze wieder. Also nenne ich die Frau konsequenterweise Frau Krelborn.
Frau Krelborn hat wohl auch so ein fleischfressendes Gewächs daheim, allerdings nur eine Dionaea muscipula, also eine Venusfliegenfalle. Und die hat offensichtlich Hunger. Venusfliegenfalle. Auch so eine Audrey Zumindest denkt Frau Krelborn, von ihrer Pflanze ein „Gib’s mir“ bzw. „Feed me“ gehört zu haben. Und so macht sie sich in ein Gartencenter auf, schlendert in die angeschlossene Zooabteilung und belegt den Fachverkäufer eifrig mit Fragen.
Und wäre ich nicht zeitgleich vor dem Regal mit den Futtertieren, ich hätte diese wunderbare Gespräch nicht mitverfolgen können. Denn auch meine Frösche raunen gelegentlich ein „Gib’s mir!“, was soviel heißt, dass ich wieder schachtelweise Drosophila hydei oder Drosophila melanogaster anschleppen muss, diese niedlichen Fruchtfliegen, die einen gerade im Spätsommer in jeder Küche den letzten Nerv rauben können.
Das ging wohl offensichtlich Frau Krelborn auch so, die sich extra als Fruchtfliegenabfangjäger drei Venusfliegenfallen gekauft und daheim in der Küche aufs Fensterbrett gestellt hat. Nachdem aber die Sonnentaugewächse ihren Job gemacht und die Küche zumindest was Fruchtfliegen betrifft entvölkert haben, ist guter Rat teuer. Denn das Trio winselt, so Frau Krelborn, beständig nach Nachschub. Tierhalter kennen diesen bettelnden Blick, oder sie bilden sich zumindest bei ihren Schützlingen einen solchen ein.
Das Pflanzen ihre Halter aber genauso mit vorwurfsvollen Gesten nötigen, Futter zu holen, kannte ich noch nicht. Bisher dachte ich, dass sie lediglich bei zu viel oder zu wenig Wasser, zu hohen oder zu niedrigen Raumtemperaturen, Zugluft, sozialer Inakzeptanz zur Nachbarpflanze oder was weiß ich, warum, beleidigt ihre Blätter entweder braun färben oder gleich abwerfen. Die Birkenfeige im Büro des Kollegen Hans ist auch so eine, die immerfort eingeschnappt ist und sich aus Trotz nackig macht…
Aber man lernt ja nie aus. Venusfliegenfallen sind also auch Manipulatoren. Und so hat sich Frau Krelborn gedacht, dass sie einfach mal in der Zimmerpflanzenabteilung nachfragt, mit was man diese denn füttern könne. Der sachkundige Verkäufer reicht sie gleich an die Kollegen aus der Zooabteilung weiter. Dort werde ihr sicher geholfen.Fleischfressende Pflanzen im Baumarkt
Während ich mit mittlerweile geschultem Auge die letzten Schachteln Fruchtfliegen inspiziere, nähert sich Frau Krelborn nebst Verkäufer, erzählt die Geschichte von den hungernden Audreys und fragt, ob er denn geeignete Futtertiere im Sortiment habe.
„Freilich“, antwortet der Verkäufer und zeigt auf die Fruchtfliegen.
Schnell aber erkennt die Kundin, dass sie, wenn sie eine Schachtel mit geschlüpften Fliegen öffnet, die nächste Fliegeninvasion gleich in der Küche hat.
„…mit dem Unterschied, dass diese Zuchtformen eben nicht fliegen können“, erwähnt der Verkäufer, was zwat stimmt, aber dafür krabbeln sie dann eben überall und auf allem herum. Ich kenne das. Trotz sorgfältiger Abdichtung des Terrariums gelingt immer wieder Futtertieren die Flucht. Und dann hat man eben auf den weißen Fliesen im Badezimmer plötzlich ein paar Fruchtfliegen. Oder auf dem Fenster im Schlafzimmer.
„Oder dem Obst in der Küche“, würde vermutlich an dieser Stelle meine Frau einwerfen und ich müsste ihr vehement widersprechen.
„Mitnichten, die hier können ja fliegen“, würde ich argumentieren. „Und die Futterfliegen nicht…“
„Ja ja,“ würde sie antworten und behaupten, dass die Tiere der nächsten Generation vielleicht flugfähig aus ihren Puppen schlüpfen, nachdem ihnen die Flugfähigkeit weggezüchtet worden war.
Gern hätte ich Frau Krelborn den Tipp gegeben, dass die Fliegen bedeutend inaktiver sind, wenn man sie vorher kalt stellt, gleich neben den Schampus in den Kühlschrank damit. Da könnte sie sie fast einzeln mit einer Pinzette aus der Dose holen und ihren Audreys ins Maul bzw. in ihre Fangblätter legen, aber ich mische mich da lieber nicht ein.
Vollends aus dem Ruder läuft das Gespräch, als der Verkäufer Frau Krelborn rät, es doch einmal mit Mirkoheimchen zu versuchen. Was er ihr nämlich nicht erzählt, ist, dass Mikroheimchen keineswegs Mikro bleiben sondern sich zu normal großen Tieren auswachsen. Und dass ein einziges Heimchen, das nicht sofort von Audrey Two vernascht wird, sondern ausbüxen kann, ihr das Leben in der Küche zur Hölle machen kann. Mehr als jede fleischfressende Pflanze es je schaffen wird.Feed me, Seymore! Die Pflanze von Frau Krelborn hat Hunger
Selbst, wenn sie es schafft, aus der Box wirklich nur ein einzelnes Heimchen für ihre Pflanzen herauszubekommen, ohne dass die anderen die Gelegenheit zur Flucht ergreifen, kann sie ja nicht sicher sein, dass Audrey ihre Beute nicht einfach wieder laufen lässt, weil sie einsieht, dass sie sich übernommen hat und ihre Kraft nicht ausreicht, das Heimchen im Fangblatt festzuhalten.
Nun neigen Heimchen ja nicht nur dazu, buchstäblich nur von Luft, Liebe und ein wenig Staub zu leben, sie vermehren sich auch rasant, zirpen die ganze Nacht über und sitzen morgens, wenn man in die Küche kommt, fett und glücklich mitten auf den Bodenfliesen. Etwas, was niemand braucht.
Kritisch starrt Frau Krelborn auf die Box mit den Heimchen, stellt sie dann aber wieder zurück ins Regal. Irgendwie graut ihr wohl davor, Tiere an eine fleischfressende Pflanze zu verfüttern.
Noch einmal greift sie auch zu den Fliegen, lässt letztlich auch die stehen.
Mein Glück, denn es ist die vorletzte Schachtel und daheim warten allerlei hungrige Froschmäuler auf Nahrung.
Frau Krelborns Audrey Two allerdings wird wohl hungern müssen – oder die Gute holt eine Portion Hackfleisch drüben bei Schwendrick’s an der Ecke. Soll ja funktionieren. Wenn Audrey nicht plötzlich schreit:

„Gib’s mir. Gib es mir.
Fütter mich, Krelborn. Fütter mich sofort.
Ich will Blut… frisches Blut!“

 


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4 Kommentare


  1. Das kann kein Hellwegmarkt gewesen sein, denn die haben keine Fachverkäufer mehr, dort arbeiten ausschließlich Einrichtungsberater, so ein freundlicher Hinweis auf einem Klingelschild an einer Verkaufstheke: „Brauchen Sie Hilfe? Rufen Sie einen unserer Einrichtungsberater.“

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