Einmal Schlübbis für alle

Kennen Sie das? Dieses Gefühl, auf dem falschen Planeten gelandet zu sein? Zu bemerken, dass man dort, wo man gerade ist, keinesfalls hingehört, das Schicksal einen nur versehentlich dort hat stranden lassen und man am liebsten gleich wieder weg will?
Ein solcher Ort ist für mich die Wartezone von den Anprobe-Kabinen in Textilfachgeschäften oder –abteilungen. DOB: Damenoberbekleidung. Da kann man schon mal zur Salzsäure erstarren.
Und wer dort nicht klarkommt, weil er weder das stoische Gemüt eines Metzgerhundes hat und einem einfach alles scheißegal ist, noch über buddhistische Mediations- und In-sich-selbst-Versenkungs-Techniken verführt, der will einfach nur noch weg. Ich zum Beispiel.

Das Ganze lässt sich aber noch steigern: In der DUB (gibt es die Abkürzung überhaupt?), also der Damenunterbekleidung: Sprich Wäsche- und Dessousfachabteilung oder einem entsprechendem Fachgeschäft.
Hier wird Warten zur Pein – nicht nur, weil man der Zeit beim Verrinnen buchstäblich zusehen kann. Unfassbar und unerklärlich lange dauert es, wenn Frauen, vor allem in Gruppen, Wäsche probieren. Junge Dinger schleppen zarte Spitzenwäsche in die Kabinen, andere tragen Wäschestücke durchs Geschäft, die aus Resten alter Krawatten geschneidert sein könnten, so wenig Stoff ist an ihnen. Verkäuferinnen holen schwere Panzer für Kundinnen, die ein paar Generationen älter sind, Textilien, die ich nicht mal auf dem Kleiderbügel sehen möchte. Es wird geschnattert und gekichert, gefachsimpelt und geurteilt.
Und geflüchtet.
Letzteres von mir.
Männer sind da sowieso fehl am Platz. Wollen sie nicht der Spannerei verdächtigt werden oder sich durch unqualifizierte, humorig gemeinte aber selten so funktionierende Bemerkungen unbeliebt machen, suchen sie besser das Weite.

Nun bietet sich die HUB (also Herrenunterbekleidung) nicht wirklich als Verweilzone an, obgleich es dort schlagartig ruhiger zugeht. Männer kaufen Wäsche anders als Frauen. Ein schneller Blick, ein Screen des Angebots: Zack – Beute. Fünferpack im Schlussverkauf. Uns doch egal, ob die unsexy und labbrig aussehen, und auch egal, ob wir dereinst einen Unfall haben, eine Jeans vom Körper geschnitten wird und die olle Buxe zum Vorschein kommt. In solchen Momenten haben Notärzte und Rettungssanitäter ganz andere Probleme (und der Verunfallte auch), als sich über verbeulte Unterwäsche Gedanken zu machen.
Und dann gibt es noch die Kategorie Männer, die erst gar keine Wäsche kauft. Denn der Erwerb scheint für viele Geschlechtsgenossen wenig vergnüglich zu sein: Ein Muss, wie Klopapier oder Tomaten in Dosen. Hin und wieder braucht man das, muss es kaufen, aber es macht keinen Spaß: Also schickt man die Frau. Die bringt Klopapier und Tomaten vom Supermarkt mit und auf dem Rückweg gleich ein paar neue Unterhosen für den Gatten.
Es ist mir zwar nicht nachvollziehbar, warum Männer das machen, aber vermutlich ist das die gleiche Kategorie Mann, die zu ihrer Frau auch „Mutti“ sagt.
Und Harald. Der natürlich auch.

Also beobachte und belausche ich Renate in einem Wäschehaus beim Erwerb von Retro-Shorts, derweil der weibliche Teil der Familie sich in der DUB… lassen wir das.
Nachdem ich selbst das Sortiment der HUB kurz überflogen habe und mich auf einem Sessel zum Warten niederlasse, mich frage, warum hier kein Kicker ausliegt, kein Eurosport läuft und kein Espresso serviert wird, um das Warten zu verkürzen, starre ich auf mein Handy. Die Welt hat so viel mehr zu bieten als Unterwäsche…
Während ich warte, rauscht eine Renate ins Geschäft. Zielsicher steuert sie in die HUB, rupft am Schnäppchenstand ein paar Herrenunterhosen heraus, prüft Größen und Preisschilder, legt die Ware irgendwohin und bringt somit alles in Unordnung. Es dauert nicht lange, da eilt eine Verkäuferin herbei, um wenigstens ansatzweise die gediegen-gepflegte Atmosphäre wieder herzustellen.
„Kann ich ihnen helfen?“ will sie das wilde Wühlen im Sortiment unterbinden.
„Ja!“ antwortet Renate und erwähnt, dass sie für ihren Mann ein paar neue Unterhosen kaufen will.
„Hin und wieder braucht er ja schon mal ein paar neue…“ tönt es begleitet von einem hustenden Lachen durch den Laden.
„Eine bestimmte Marke?“ erkundigt sich die Verkäuferin Contenance bewahrend.
„Nein – muss nichts Besonderes sein. Nur weiß.“ Das muss Ausdruck langjähriger Liebe und Vertrautheit sein. Da braucht es nichts Besonderes mehr. Vor allem nicht, wenn Renate über die Wäsche von Harald entscheidet.
„Und in diesem Schnitt…“ Damit wedelt sie der Verkäuferin Shorts von Calvin Klein vor der Nase hin und her. „Die gibt es doch bestimmt auch günstiger…“
Also kein CK für Harald – kein Waistband, dass er lässig über dem Bund seiner Jeans zur Schau stellen könnte.

Die Verkäuferin zieht eine Papptrommel aus einer Verkaufsgondel und hält sie Renate hin.
„Wir hätten diese hier. Ein Dreierpack! Sehr günstig, aber…“ Zu mehr kommt sie nicht.
„Ja ist doch prima. Reicht doch. Die nehm ich!“ fällt Renate der Verkäuferin ins Wort ohne nur einen Blick auf die Textilien geworfen zu haben. „Größe 5 bitte. Am besten gleich zwei Pakete. Dann kann ich mal ein paar alte Schlüpfer aussortieren. Muss schließlich auch mal sein, oder?“
Die Verkäuferin nickt irritiert.
„Und dann das Gleiche noch mal in schwarz. Aber Größe 6. Auch zwei Packungen. Und dann brauch ich noch welche in blau. Die dann in 5.“
Jetzt wird es schwierig, denn in blau gibt es keine im Pappkarton, wie die Verkäuferin erklärt. „Da müssten wir hier mal schauen.“ Sie lotst Renate zur Wand, die mit Unterhosen voll gehängt ist.Schlübbis wohin das Auge blickt
„Ja wissen Sie“, klärt Renate die Verkäuferin auf. „Mein Mann bekommt nur weiße, der eine Sohn nur schwarze und der andere nur blaue. Sonst kann ich die beim Waschen nicht auseinander halten und weiß am Ende gar nicht, wem welcher Schlüpfer gehört, wenn ich sie in die Schränke zurückräumne. Und dann gibt es immer große Diskussionen, weil irgendwer wieder seine Unterhosen vermisst. Sie glauben ja gar nicht, wie kindisch…“ bricht sie den Satz ab. „Nein, nein. Ist schon besser so. Jetzt hat jeder seine Farbe, und ich habe meine Ruhe!“
Spricht’s, rafft die Ware zusammen und bewegt sich zur Kasse.

Während die Verkäuferin Renate abkassiert, sinniere ich, wie alt ich wohl war, als meine Mutter mir das letzte Mal Unterwäsche vom Einkaufen mitgebracht hat. War ich 12? 14?
Sicher nicht älter. Das ist bei Renate offensichtlich anders, da sucht Mutti noch immer für die wohl fast erwachsenen Bubis die Wäsche aus – und für Vati gleich mit.
Das geht bestimmt so lange, bis bei Söhnis mal die Hüllen und dann die Kinnlade der abendlichen Eroberung angesichts des freigelegten Billig-Schlübbis herabfallen. Wenigstens ist das Modell nicht weiß und nicht Feinripp, aber mit Eingriff.

Gut, dass ich mich frühzeitig davon emanzipiert habe. Ich entscheide selbst, welche Buxen ich kaufe. Und in welcher Farbe. Aber mir macht in der Familie auch niemand meine Schlübbis streitig. Also kaufe ich ein, was ich will. Fertig. Schließlich braucht man(n) ja doch hin und wieder neue. Außerdem will man will ja nicht, dass man bei einem Unfall in uralten… aber das sagte ich ja bereits.
Und zack: Sind zwei neue gekauft. Fehlt nur noch das Frauenvolk, dann können wir weiter.
Wo die nur wieder so lange bleiben?


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2 Antworten

  1. Iris sagt:

    Lutz Prauser, thanks so much for the post.Really thank you! Keep writing.

  2. Günter sagt:

    Das Weibsvolk ist noch auf der Suche nach einem Herrenwollmantel in 52; der bescheuerte Verkäufer in der HOB war dermaßen inkompetent! Und dann nicht mal von hier…

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