Eine Kartoffel namens Matthias

Fast ein Matthias
Fast ein Matthias

Beim Ausmisten der Fotogalerien in meiner Cloud, die automatisch alle Handy-Bilder sichert, stoße ich auf einen Schwung Babyfotos von mir. Ich habe sie vor zwei Jahren gemacht, als wir die Familienweihnachtskarte mit Kleinkindbildern von uns allen angefertigt haben. Immer wieder habe ich mein altes Fotoalbum durchgeblättert und nach einem geeigneten Motiv gesucht und diese abfotografiert.
Dabei bin ich nicht nur auf jede Menge Fotos gestoßen sondern unweigerlich auch auf einige Erinnerungen.

So machte in unserer Familie immer wieder die Geschichte die Runde, dass ich eigentlich hätte Matthias heißen sollen. Abgesehen davon, dass ich nicht die erhoffte Tochter sondern der zweite Sohn war, war der Name Matthias für mich schon lang ausgesucht, sozusagen das Worst Case Scenario, falls doch ein weiterer Sohn zur Welt kommen würde.
Nun: Es wurde ein Junge, aber kein Matthias. Mein Vater nämlich hat meiner Mutter quasi noch am Wochenbett diesen Wunschnamen wieder ausgeredet. Seine Begründung lautete, der Sohn (also ich) solle später in der ersten Klasse nicht der Letzte sein, der seinen Namen richtig schreiben kann. Der Name sei ja so schwierig…
Bei so viel vorgeburtlichem Vertrauen in meine Fähigkeiten kann man sich natürlich nur freuen.

Später dann wurde der kurzfristige Wechsel des ausgesuchten Vornamens anders begründet. Zum einen sollte es nicht so ein Allerweltsnamen sein. Zum anderen wollten mir meine Eltern – so die pädagogisch korrekte Begründung – keinen Namen geben, der wie auch immer abgekürzt, verniedlicht oder zu Spitznamen umgebaut werden könnte. Das hat übrigens einigermaßen funktioniert. Nur wenige wagten es, mich Lutz-Putzi zu nennen. Von einigen hat man nie wieder etwas gehört.

Allerdings frage ich mich, was so schlimm daran gewesen wäre, ein Matze zu sein. Günni, Manni, Michi, Andi, Pöffi (war ein Wolfgang), Acki, Harry, Ecki, Toto – so hießen Jungs eben damals. Warum nicht Matze?
In Bayern wäre ich vermutlich ein Hiasl geworden, was mir nun tatsächlich nicht sonderlich behagt hätte, aber die Frage danach ist sowieso redundant. Ich bin ja nicht in Bayern aufgewachsen zwischen lauter Loisls, Franzis, Tonis, Xaverl, Luckis, Gustl, Seppis, Korbis, Benes und Sebis.

Kein Matthias, den ich kennengelernt habe, hat einen ernsthaften Schaden davon getragen, dass sein Name nicht so einfach zu schreiben ist. Jedenfalls weiß ich nichts davon. Damit will ich nicht sagen, dass ich mit meinem aktuellen Vornamen unzufrieden bin. Das passt schon.

Grinsekind
Fast eine verschrumpelte Kartoffel

Nicht, dass Sie jetzt denken, ich hätte mit dem Vornamen, der mir dann verliehen wurde, ein Problem. Nur kann eben kaum ein englischsprechender Mensch diesen Namen ohne Hilfe richtig aussprechen. Wenn sie es dennoch tun, das weiß ich aus erster Hand vom Schauspieler Kellan Lutz, kommt Unfug dabei heraus. Kellan spricht seinen Nachnamen  Latz aus – wie so’n Hundefutter. So funny, isn’t it?
Er wiederum fand die „U“-Aussprache komisch, das müsse man ja dann Lootz schreiben.

Dass sich Lutz wunderbar auf Schmutz reimt, wäre aber vorhersehbar gewesen und damit auch manche Mobbing Attacke. Diese erbärmliche Witzigkeit haben zum Beispiel Bekannte meiner Eltern so lange wiederholt, bis mein Vater eine klare Ansage tätige, sie sollten das gefälligst unterlassen. Dass er mit der Faust auf den Tisch geschlagen hat, sie sollten das gefälligst unterlassen, was letztlich zum Bruch dieser Freundschaft führte, rechne ich ihm hoch an…

Etwas weniger komisch finde ich allerdings die Geschichte über mich, die ebenfalls immer wieder im Familien- und Freundeskreis die Runde machte und immer zu großem Schmunzeln geführt hat. Nur bei mir nicht.
Väter, das muss man heute expizit erwähnen, waren damals nicht bei der Geburt ihrer Kinder dabei. Und es war auch nicht so, dass die Neugeborenen danach bei der Mutter untergebracht waren. Man fasste sie in großen Räumen zusammen, hinter einer Scheibe durften dann die Väter ihre Töchter und Söhne erstmals in Augenschein nehmen – zumeist hochgehalten von einer Krankenschwester.
Das ist heute kaum mehr vorstellbar, aber es war so. Und da ich zu den geburtenstärksten Jahrgängen gehöre, war das Ganze bei diesem BabyBoom vermutlich auch die praktischste Lösung auf den Wöchnerinnenstationen.
So wurde auch ich meinem Vater präsentiert, gewickelt, in Tücher verpackt auf dem Arm einer Kinderkrankenschwester.
Nun wäre eine herzliche Begeisterung, ein Knuddeln, ein Kuss, ein was auch immer durch die Scheibe nicht möglich gewesen. Mein Vater aber, so wurde immer wieder erzählt, reagierte ganz spontan mit dem Satz:
„Diese verschrumpelte Kartoffel soll mein Sohn sein?“
Das sollte witzig sein. Da fühlt sich so ein kleiner Neuzugang gleich richtig willkommen auf diesem Globus. Auch nachträglich noch.
Jedes Mal, wenn später diese Geschichte wieder und wieder erzählt und belacht wurde, denn der Witz sollte ja auf Kosten meines Vaters gehen, beeilte sich meine Mutter, klarzustellen, dass ich einige Wochen später ein herzallerliebstes, süßes Baby gewesen sei. Ein wahrer Sonnenschein.

Keine Kartoffel, und schon gar keine verschrumpelte.
Kein Lutzi-Putzi, kein Schmutz-Lutz und auch kein Matthias.

Also:
Just call me Lutz. Nothing else. Just Lutz.
Und jetzt gehen Sie bitte weiter. Stehen Sie mir nicht in der Sonne.

Sonnenschein
Fast ein Sonnenschein

 

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4 Kommentare


  1. Vom Kartoffelmanndl zum Zwetschgenmanndl. 😀
    Schöne Geschichte.

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  2. Mein Sohn heißt auch Matthias aber keiner sagt Matthias zu ihm dadurch das damals noch ein Matthias da war sagten seine Freunde immer zu ihm da Maia (Maier) und das ist heute noch so.

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  3. Mein Sohn heißt Matthias, ich finde daß der Name zu ihm passt
    und der Sohn seines Freundes heißt Lutz 🙂 ich wünsche Dir einen schönen Sonntag, Lutz

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