Echte Liebe

„Wie Du kommst gegangen, so wirst Du auch empfangen!“

Ich weiß nicht, wie oft ich diese lebensweisheitlichen Kalenderspruch von meiner Großmutter gehört habe. Sie war gut darin, meinen Bruder und mich mit diesen Erziehungs- und Benimm-Versen zu versorgen; zu jeder passenden wie auch zu jeder unpassenden Gelegenheit. Irgendwann konnten wir sie auswendig, auch heute noch fallen sie mir fortwährend ein – ob ich mich danach richte, steht auf einem anderen Blatt.Bergwelt Westendorf

Gerade aber in dieser Woche ist mir der eingangs zitierte Spruch gleich mehrfach in den Sinn gekommen. Um nicht zu sagen: Zweimal.
In Westendorf war’s, jenem Skigebiet, das fast gleich um die Ecke liegt, und über das ich ja bereits hier geschrieben habe. An einem Traumsonnentag erwartet uns nicht nur ein herrliches Panorama sondern auch nahezu gähnende Leere…Panorama
Kunststück. Es ist mitten unter der Woche, nirgendwo sind Ferien. Es fahren also nur diejenigen, die sich frei genommen haben oder bereits das Rentenalter erreicht haben… und ein paar Studenten. Besser kann’s also gar nicht sein.

Bevor es rauf auf den Berg geht, muss ich erst mal die Tagesskipässe kaufen und das mache ich bei der netten Kassiererin Claudia (so steht es auf ihrem Namensschild) an Kasse 2, die soeben geöffnet hat.
Als ich vor ihr stehe und das Portemonaie aus der Innentasche nehme, sieht sie, dass ich unter der Skijacke ein schwarzgelbes Trikot trage. Das nämlich ist in Westendorf besonders angebracht, auch davon habe ich bereits geschrieben. So komme ich gegangen, und so werde ich auch empfangen.
„Oh“, lächelt mich Claudia an. „Ein echter Fan!“ Anerkennung klingt in ihrem breitetesten Tiroler Dialekt mit, den mündlich oder schriftlich nachzuahmen mir der Anstand untersagt.
„Ja“, sage ich. „Natürlich!“
Sie nimmt meine Kreditkarte entgegen.
„Darum kommen wir ja immer nach Westendorf, ist ja aus der Münchner Gegend nicht allzuweit“, erkläre ich und bemerke, wie großartig ich die Kooperation zwischen dem Tiroler Bergdorf und den Borussen aus Dortmund finde.
Sie schaut auf und grinst.
„Hier ist man ja mit so einem Trikot herzlich willkommen“, erkläre ich. „Drüben, auf der anderen Seite vom Skigebiet in Scheffau bin ich mir da nicht so sicher. Da fahren wir schon gar nicht mehr hin, obwohl es eigentlich näher wäre.“
Claudia lacht.
„Na ja“, antwortet sie. „Das sieht nicht jeder so. Sie glauben gar nicht, wie viele Bayern der Automat da aufregt“. Damit deutet sie in Richtung eines großen Automaten, der neben den Schließfächern steht: Ein schwarzgelber Fanshop voller BVB-Artikel.
„Die protestieren immer wieder und regen sich über den Automaten auf.“
„Das kann ich mir denken“, entgegne ich. „Aber darum ist es ja gut, dass die Bayern hier nichts zu sagen haben. Schließlich sind wir hier in Tirol. Und nicht in Bayern.“
„Eben“, antwortet sie forsch. „Genauso ist es.“ Damit schiebt sie mir vergnügt meinen Kartenbeleg, die beiden Skipäasse und meine Kreditkarte zu.
Der Tag ist nicht nur wegen des Kaiserwetters gerettet. Die Sonne strahlt nicht nur von oben, sie leuchtet auch von innen.

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Vergnügt tummeln wir uns auf dem Berg, Kilometer reihen sich an Kilometer, 53 werden wir am Ende auf der Uhr haben.
Die Mittagspause verbringen wir auf 1611 Höhe im Jausenstadl auf der Fleidingalm. Das Wetter ist grandios, also sitzen wir draußen. Da auf der kleinen Hütte Selbstbedienung angesagt ist, betrete ich den Schankraum, reihe mich in die kurze Schlange ein und bin nach wenigen Minuten dran. Während der Bestellung sieht der Wirt das schwarzgelbe Trikot.
„Ach…“, meint er, „da ist ja die Leidenszeit auch vorbei!“ Auch er spricht breitstetes Tirolerisch.
„Na ja, Leidenszeit…“ versuche ich abzuschwächen, was ich längst verdrängt habe.
„Ist doch super“, antwortet der Mann. „Vier Siege in Folge, ein Unentschieden gegen Hamburg, es geht doch wieder aufwärts. Wir machen das schon.“ Als Tiroler kennt er sich erstaunlich gut aus im deutschen Fußball. Hätte mir Gleiches über Wacker Innsbruck erzählt, hätte mich das weniger überrascht. Und mit dem wir gibt er sich als einer der Unsrigen zu erkennen. Echte Liebe also auch hier, wie schön.
„Hoffentlich geht es in der Richtung weiter“, antworte ich, während er den Apfelstrudel auf die Teller legt. „Dann macht es noch mehr Spaß, das Trikot zu tragen. Aber hier ist man ja sowieso in schwarzgelb willkommen.“
Er schöpft zähe, heiße Vanillesauße neben den Strudel.
„Bei mir kann jeder das Trikot anziehen, das er will. Da ist jeder willkommen, es ist wurscht, in welchem Trikot. Außer die Bayern!“
Wie gesagt: Wie Du kommst gegangen… ach ja, das hatten wir ja schon.

Echte Liebe in der LuftSpäter nehmen wir noch ein Skiwasser direkt unter der Bergbahn mit der BVB-Gondel. Oft habe ich sie schon gesehen und zigmal fotografiert. Jedes Mal auf’s Neue. Immerhin gibt es sie nur ein einziges Mal auf der ganzen Welt. Anders als diese Sehenswürdigkeiten wie das Brandenburger Tor oder der Eifelturm, die in jedem Miniaturpark nachgebaut wurden, hängt hier mir am Seil ein echtes Unikat. Leute, das müsst Ihr fotografieren. Das gibt’s nur hier! Da müsst Ihr doch die Kamera zücken.

Ich liege unter der Bahn in der Sonne und harre der Gondel, die da kommen wird. Ein schöner Tag. Westendorf mag die Borussia. Auch darum mag ich Westendorf. So geht Echte Liebe!

Echte Liebe im Liegestuhl

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