Entschuldigung: Wo stehen bei Ihnen die Dosentomaten?

Erinnern Sie sich noch an die Zeit, in der es noch keine Navigationsgeräte gab?
Man fuhr los, hatte eine ungefähre Ahnung vom Weg und verirrte sich öfter. Das kam vor, war aber kein Drama.  Trotzdem: Echte Kerle fragten nie nach dem Weg. Wie bitte hätte das auch ausgesehen?
Sie hätten ja zugeben müssen, dass sie sich nicht auskennen. Welch ein Eingeständnis und Orientierungslosigkeit, welch eine Schwäche…
Statt dessen gurkten sie kreuz und quer durch fremde Städte oder nahmen falsche Autobahnausfahrten.
„Ist das nicht wunderschön hier? Solche schönen Flecke hätten wir nie zu Gesicht bekommen, wenn…“ Damit kaschierten sie, dass sie sich, als sie wieder einmal einen Stau umfahren wollten, hoffnunglos verfranst hatten. Nicht, dass sie auf der ausgeschilderten Umgehung hätten bleiben können.; nein. Sie wollten unbedingt Abkürzungen und Schleichwege finden. Die Bilanz: Sie haben mehr Zeit im Auto gesessen, als wenn sie einfach auf der Autobahn im Stau geblieben wären.
Die wenigen Männer, die den Hinweisen vom Beifahrersitz vertrauten, meist von den Ehefrauen, kamen auch ans Ziel. Meist vor den anderen. Aber welcher Mann ließ sich schon von einer Frau aus dem Falkplan oder dem Europaatlas den Weg weisen?
Heute ist alles anders. Echte Kerle vertrauen ihrem Navi, das sie sicher irgendwohin bringen wird. Wo das endet, weiß man ja: In Sackgassen, Fußgängerunterführungen, Waldwegen und Schneewechten auf allerengsten Passstraßen. Verstand aus. Navi ein. Egal, ob man in Urlaub oder nur seinen täglichen Weg zur Arbeit fährt…

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Zielort Dosentomate. Wo ist das?

Peter ist auch so einer, der nie nach dem Weg fragt, wenn er in fremde Regionen fährt. Und dann wird’s ungemütlich.
Das hat aber weniger damit zu tun, dass er ein Problem damit hat, sich nicht auszukennen. Sein Problem ist ein anderes. Grundsätzlich fährt er nicht gern dorthin, wo er sich nicht auskennt, und mit fremden Leuten redet er schon gar nicht. Oder wenn, dann nur das Allernötigste. Es hat schon etwas Autistisches, seine Frau nennt es liebevoll „Der fremdelt, der Kleine!.“
„Du ahnst gar nicht, welch ein Drama das im Urlaub war“, erzählt sie mir bei einem gemeinsamen Abendessen. „Stunden hat er im Supermarkt verbracht, weil er nichts gefunden hat.“
„Wenn auch alles einfach irgendwo steht. Nur nicht da, wo es hingehört. Von Logik oder System keine Spur,“ rechtfertigt sich Peter. „Da muss man ja irre werden.“
Ich blicke fragend zu seiner Frau, dann zu ihm.
„Nehmen wir nur mal Dosentomaten. Wo würdest Du die suchen?“ fragt Peter.
Unsicher entgegne ich: „Tja. Tomaten sind Gemüse, also bei Gemüsekonserven. Bei Mais, Erbsen, Bohnen und so?“
„Stimmt, sollte man meinen. Das war auch mein erster Weg. Aber Pustekuchen. Diese Idioten in …. (hier lasse ich Peters Ferienort weg, denn ich möchte niemanden diffamieren) … räumen alles irgendwo hin. Ich hab mir ’nen Wolf gesucht und sie schließlich bei den Nudelsaucen gefunden. Und da gehören sie doch schon mal gar nicht hin.“
Nicht ganz abwegig, die Platzierung. Finde ich. Schließlich braucht man Dosentomaten meistens für Nudel- oder Pizzasaucen.
„Und Tomatenmark?“ fragt er hinterlistig.
„Auch da? Direkt daneben?“ entgegne ich. Aber ich weiß schon vorher, das die Antwort falsch ist.
„Ha!“ triumphiert er. „Von wegen. Da rennste wieder durch den ganzen Laden und findest den beim Ketchup. Der aber steht bei Majo und Senf, Essig und Öl. Direkt bei Dosenwürsten. Ist das etwa irgendwie logisch? Gibt’s da irgendein System?“
„Nein,“ antworte ich gehorsam. Es ist schon ein Kreuz. Nirgends findet man sich zu Recht. Ich bedauere Peter gebührend. „Warum hast Du nicht einfach jemanden im Laden gefragt?“
„Der doch nicht!“ geht Peters Frau dazwischen. „Eher rennt der zehnmal alle Regale ab, als dass er jemanden in dem Laden anspricht.  Stunden verbringt er in dem Laden, wenn ich schon längst wieder raus wäre. Was meinst Du, warum ich ihn nur daheim mitnehme, wo er sich auskennt. Aber das war immer schon so. Peter spricht nicht mit jedem.“ Das ehrt mich ungemein, denn mit mir redet er.
„Oder glaubst Du,“ fährt seine Frau fort, „er hätte früher mal nach dem Weg gefragt?“ Sie seufzt: „Wie oft haben wir uns verfahren. Ich kann’s gar nicht zählen…“

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Falsch navigiert. Hier geht’s lang…

Ich bin froh, dass Peters Frau diesen Einwurf gemacht hat und vom eigentlichen Thema abgelenkt.  Fast hätte ich ihn gefragt, ob er auf dem iPhone keine App mit den Regalplänen aller deutscher Supermärkte hat. Wäre doch so praktisch. Man gibt einfach ein: „Tomatenmark+Supermarkt X+den aktuellen Ort“ und schon navigiert einen das iPhone an das Zielregal.
Wie im Straßenverkehr. Gibt’s so etwas noch nicht? „Entschuldigung, wo stehen bei Ihnen die Dosentomaten?“ wäre eine aussterbende Floskel.
Das müsste Peter doch genial finden.
Und nein –  ich glaube nicht, dass Peter früher jemals rechts rangefahren ist und irgendwem nach dem Weg gefragt hat.
Ich übrigens auch nicht.
Dafür habe ich auch zufällig wunderschöne Landschaften entdeckt. Abseits der Urlauberströme, versteht sich. Wunderbare nette kleine Örtchen mit verwinkelten Straßen weit weg der Autobahn.
Peter sicher auch.
Und sie?

1 Antwort

  1. 16. Februar 2014

    […] einem Salat und einem Strauß Bananen… Derweil steht Harald hilflos daneben. Anders als mein Freund Peter, der jeden Samstag mit seiner lieben Frau einkaufen geht, ist Harald eher ein „fish out of […]

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