Der Schlaf der Gerechten

Nein – es ist nicht nur Renate, die Trekkingsandalen trägt. Auch „ganz normale“ Leute tun das. Zumindest Leute, die sich selbst für ganz normal halten.
Was ich von ihnen halte, steht auf einem anderen Blatt und muss nicht weiter ausgeführt werden. Sonst laufe ich Gefahr, meine ohnehin überschaubare Anzahl an Sozialkontakten noch weiter zu dezimieren.
Will sagen: Trekkingsandalenträgerinnen und –träger, die sich möglicherweise in meinem Bekanntenkreis befinden, könnte ich nachhaltig verärgern. Letztlich geht es mich ja auch nichts an, wer seine Füße in welches Schuhwerk presst. Jede/r muss das selbst für sich entscheiden, ob und wie er sich seinen Mitmenschen präsentiert: Und sei es in Trekkingsandalen oder sogar Crocs. Es soll ja sogar Leute geben, die Birkenstock-Schluffen tragen…gabor-03
Warum ich das Thema überhaupt anschneide?
Weil es so wenig Orte kulminierter, kurioser und skurriler Gestalten gibt, wie Schuhgeschäfte. Und weil es über diese Gestalten eigentlich immer etwas zu erzählen gibt.
Gelegentlich nutze ich die Gelegenheit zu intensiver Feldforschung zu diesem Thema out of Rosenheim. Dort hat Gabor seine Fabrik und dort findet auch der Outlet-Verkauf statt. Ich kann zwar nicht verstehen, was so sensationell daran ist, aber wenn wir sowieso Richtung Chiemgau fahren, dann ist Gabor oft eine Station auf der Anreise. Und damit steh ich nicht allein da. Heerscharen von Sommerfrischlern und Winterurlaubern machen Zwischenstopp beim Schuhverkäufer, wovon bereits an anderer Stelle berichtet wurde.
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Da ich dort selten fündig werde – die Abteilung für Herrenschuhe ist geradezu lächerlich klein und ist in weniger als fünf Minuten auf das Angebot hin abgesucht – nutze ich die Gelegenheit, mich still und vergnügt auf eine Bank in der Damenabteilung zu setzen und das zu tun, was alle Männer in solchen Situationen tun: Still dasitzen und abwarten; schicksalsergeben.
Nur dass ich, anders als in der DOB-Abteilung, hier schamlos zum Beobachter werde. Ich schaue zu, wie Frauen modische Fehlgriffe wagen, Schmerzresistenz bei falschen Größen erproben und ihre Männer drangsalieren.
Da wären zum Beispiel die vielen Renates, die sich in Pumps zwängen, sie empört wieder ausziehen und lautstark kommentieren: „Ich versteh gar nicht, wie man darin laufen kann…“ Wobei damit weniger man(n) als Frau gemeint ist.
„Da lob ich mir doch diese hier“… und schwupp sind die Füße wieder in bequemen Tretern versenkt. Sie sind notorische Trekkingsandalentäter aus Überzeugung. Und nichts und niemand hält sie davon ab.
„Die hier oder die“, fragt Renate ihren Harald und wedelt mit zwei Paar Schuhen unter seiner Nase hin und her, weil sie sich nicht entscheiden kann.
So, als ob seine Meinung wirklich gefragt wäre. Dabei tut sie am Ende doch, was sie will.
Harald brummelt etwas Unverständliches, was de facto heißen soll, dass es ihm eigentlich sch…egal ist, welches Schuhwerk sie trägt, während sie ihm in schöner Regelmäßigkeit in den Allerwertesten tritt.
Renate sieht das anders.
„Jetzt sag halt mal was“, zetert sie. „Oder ist Dir das völlig egal, wie ich herumlaufe?“
Ich möchte aufspringen und schreien: „Jaaaaaaaaaaaa – das ist es. Frau, wann begreifst Du das endlich? Gib doch endlich Ruhe.“
Renate wäre aber nicht Renate, wenn sie Ruhe gäbe.
Auf ein „Halt doch mal meine Tasche“ ihrerseits folgen lautstarke und weithin vernehmbare Ansagen an Harald.

„Jetzt stell Dich nicht so an, wenn Du mal fünf Minuten (Anm.: Hahaha – fünf Minuten!) meine Tasche halten sollst.“ Alsdann wird der Gatte zum zweibeinigen Kleiderständer, also nicht nur mit einer Damenhandtasche, sondern auch mit Jacke, Schal und weiterem behängt. Und während der Tropf so herumsteht, fischt Renate Schuh nach Schuh aus dem Regal, lässt sich von der Verkäuferin beraten und hat alle Zeit dieser Welt. Und Harald ist wieder einmal der Idiot.
Entscheidet er sich nämlich, ein Sitzmöbel anzusteuern, kann er sicher sein, dass die Holde ihn angeifert: „Wo rennst Du denn jetzt schon wieder hin. Bleib halt hier stehen. Es dauert doch nicht lange. Dass Ihr Männer immer so ungeduldig sein müsst… Fürchterlich!“
Betreten schaut die daneben stehende Verkäuferin ins Nichts, peinlich bemüht, nicht noch zusätzlich Öl in das Feuer zu gießen. Dabei hätte sie doch noch neue Ware, die sie dann aber doch noch an die Kundin bringen möchte: „Ganz frisch reingekommen, die kann ich Ihnen auch noch zeigen. Wir haben sie noch gar nicht in die Regale räumen können. Kleinen Moment nur…“
Sie schwebt davon. Harald wankt, Renate spannt sich voll freudiger Erwartung durch. Die neuesten Trekkingsandalen-Modelle, die alten wollte sie ja ohnehin schon ausmisten.
„Ich kann doch auch nichts dafür, wenn Du nichts für Dich findest, da musst Du doch nicht mir die Schuld geben. Und wenn es jetzt etwas dauert, dann dauert es eben. Ist dann halt so!“ Damit ist für Renate die Angelegenheit beendet und sie wird erst wieder das Wort an ihren Mann richten, wenn sie passendes Schuhwerk gefunden hat und ihn zur Kasse lotst.
Von derlei Dingen befreit sitze ich still in der Ecke, staune und lausche. Noch klüger macht es der Mann neben mir:Der Schlaf der Gerechten

Er nutzt den Schlaf des Gerechten. Recht hat er. Harald würde sich so etwas nie trauen. Schön blöd.


 

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1 Kommentar


  1. Welch ein Glück, dass andere Bekleidungsstücke in geschlossenen Kabinen anprobiert werden können. Soviel geheime Aufdringlichkeit, die man sonst mitdenken müsste!

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