Der Irre mit dem Autopilot

„Da geht man einmal abends mit den Kollegen ein Bier trinken…“ Peter schüttelt sein Haupt. „Und dann sowas“.
Dass der grantelnde Peter mit seinen Kollegen freiwillig Bier trinken geht, ist per se eine Unglaublichkeit, aber seine Ankündigung, gleich aus dem Nähkästchen zu plaudern, lässt erst recht Spannung aufkommen.
Was ist jetzt wieder passiert?
„Dass jemand so blind sein kann, man glaubt es nicht“, ereifert sich mein guter Freund, trinkt einen Schluck und lässt mir damit die Zeit, einzuhaken. Unsere Gespräche laufen, so merke ich, eigentlich fast immer nach dem gleichen Muster.
„Doch“, erwidere ich schnell. „Das glaube ich. Ohne Brille sehe ich doch auch kaum was…“
„Ach Du“, schmälert Peter abwinkend meinen Einwurf. „Du siehst doch wie ein Adler im Vergleich zu dem, was ich sehe…“
Leute, die alt werden, sind offensichtlich so. Immer müssen sie sich gegenseitig mit Krankheiten übertrumpfen. Fehlt nur, dass sie ihre Krankenakten mitschleppen. Und seit man sich über Google selbst diagnostizieren kann, wenn man in die Suchmaschine nur die richtigen Begriffe, nämlich die Symptome und Wehwehchen eingibt, ist es ganz schlimm geworden. Wir werden alle sterben.
Aber nicht an Kurzsichtigkeit, obwohl es fast soweit gewesen wäre, wie Peter erzählt.
„Da komme ich also aus dem Biergarten, laufe durch diese bescheuerte Siedlung, in der ich mein ganzes Leben noch nicht zuvor gewesen bin und eine halbe Stunde nach einem Parkplatz gesucht habe…“
„… nur um es anschließend mindestens genauso lange zu suchen?“ frage ich und bin etwas verwundert. Denn das ist untypisch. Peter fotografiert doch sonst alles, zur Not sogar das Schild, um den Namen der Straße zu behalten, wo er sein Auto gelassen hat.
Ich finde so etwas clever, seit ich erlebt habe, dass ein Kollege mitten in der Stadt stundenlang seinen Parkplatz hat suchen müssen, weil er sich ums Verrecken nicht erinnern konnte, wo er sein Gefährt gelassen hatte.
„Sieht ja alles so verdammt gleich aus hier“, hat er sich damals aufgeregt. Und das tut Peter jetzt auch.
Aber der Kollege hat damals wenigstens etwas gesehen – im Gegensatz zu Peter. Dem nämlich fällt beim Suchen nach seinem Auto auf, dass er seine Brille nicht aufhat. Selbige also will er aus dem Etui holen – aber da ist sie nicht. Nur die Sonnenbrille. Und mit der sieht Peter zu später Stunde noch weniger als ganz ohne.
Angesichts des schönen Wetters ist er nach Feierabend mit der Sonnenbrille von der Firma aus losgefahren und hat seine normale Brille im Büro auf dem Schreibtisch liegen gelassen. Das bereut er nun zutiefst und klagt mir sein Missgeschick.

brillenlos
„Als ich endlich mein Auto gefunden habe, stand ich vor dem Dilemma, einfach gar nichts zu sehen. Wie sollte ich da ohne Gefahr für Leib und Leben nach Hause kommen?“
Ich schaue ihn bedauernd an.
„Die andere lag ja zu Hause…“, zuckt er mit den Schultern und ich erspare mir das berühmte „Na da liegt sie gut…!“
„Ohne Brille sehe ich alles nur unscharf. Also blieb mir nur, die Sonnenbrille aufzusetzen. Aber da war’s plötzlich ganz schön dunkel. Um nicht zu sagen scheißdunkel. Die sparen aber auch an allen Ecken und Enden. Nicht mal vernünftige Straßenbeleuchtung gibt’s dort.“
„Warum hast Du das Auto dann nicht einfach stehen gelassen?“
„Spinnst Du?“, fragt er mich zurück. „Erstens brauchte ich das am nächsten Morgen und zweitens kenn ich mich in dieser bescheuerten Gegend nicht aus. Ich hätte nie im Leben gewusst, wie ich da weggekommen wäre, geschweige denn, wieder hin um das Auto zu holen.“
Peter redet sich in Rage, das macht er gern und oft.
„Und dann überall diese irren Radfahrer. Fahren kreuz und quer auf der Straße. Einige dieser Idioten sogar ohne Licht… Tausende. Alle aus dem Biergarten. Wie ausschwärmende Bienen…“
„Du hast Dich doch nicht ernsthaft hinters Steuer…“
„Natürlich“, unterbricht er mich. „Was denkst Du denn? Sonst wäre ich ja nicht nach Hause gekommen.“
Jetzt bin ich neugierig: „Mit oder ohne Sonnenbrille?“
„Ohne“, erzählt er stolz. „Oder glaubst Du, ich will am Ende von der Polizei angehalten werden? Wenn die nachts im Dunkeln jemanden mit der Sonnenbrille hinterm Lenker sitzen sehen, dann ist doch die Kelle gleich draußen.“
„Du bist komplett irre“, werfe ich ihm vor. „Du hast doch kaum was erkennen können.“
„Musste ich auch nicht“, kontert Peter. „Ich bin einfach nach Gehör gefahren.“
Ich schaue ihn einfach nur fragend an. Er grinst über seine geniale Idee.
„Ganz einfach: Ich habe das Navi angemacht und den Ton aufgedreht. Dann hieß es immer in 100 Metern rechts abbiegen – in fünfzig Metern rechts abbiegen – jetzt rechts abbiegen. Und genau das hab ich gemacht. Straßenschilder hätte ich sowieso nicht lesen können. Ich war froh, dass ich bei jetzt rechts abbiegen erkannt habe, dass da eine Straße weggeht. Zumindest habe ich gut aus dem Viertel herausgefunden. Wie bei so einem Autopiloten im Blindflug.“Irre, wie dunkel das ist
Er lacht.
„Meistens war auch einer vor mir“, schränkt er ein. „Da konnte ich ganz gut sehen, ob die Straße noch eine Kurve macht oder wie die Spurenführung an den Kreuzungen ist. Irgendwann kannte ich mich dann auch aus und wusste, wie ich fahren musste. Am Ende hab ich einfach Fernlicht angemacht und die Sonnenbrille aufgesetzt. Hat prima funktioniert.“
Der Mann ist irre. Und genial. Beides liegt ganz nah beieinander. Wieder einmal.

PS: Machen Sie das ja nicht nach!

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