Da, wo da Hundling haust, der oide

A so a Hundling

Hä?
Lassen Sie mich erklären:
Dass ich ein ausgesprochenes Faible für das Leben auf dem Land habe, ist kein Geheimnis, es wurde in diesem und auch meinem anderen Blog mehrfach thematisiert.

Da, wo da Hundling haust, da bin I dahoam.
Das weiß ich jetzt auch…
Da, wo der Hundling haust.

 

 

Ich liebe es, nach vier geschwommenen Kilometern ein oder zweimal im Dampfbad im Erdinger Hallenbad schwitzen zu gehen. Der Dampf und die Wärme tun den strapazierten Muskeln gut – und die Gespräche im Schwitzkastl meinem Gemüt.
Denn davon gibt es reichlich. Also nicht Gemüt, die Gespräche sind gemeint.
Das Schild „Ruhe bitte“ an der Tür zum Dampfbad wird von allen Beteiligten konsequent ignoriert und so erfährt man durch bloße Anwesenheit und gespitzte Ohren viele Dinge, die man sonst nicht wüsste. Denn mit der Garderobe legen offensichtlich viele Dampfbadbenutzer auch jegliches Gefühl für Diskretion in den Spind. Und dann wird eben über so manch Privates, das besser privat bleiben sollte, geratscht. Und keiner denkt daran: Wir leben auf dem Land, da hört vielleicht der Nachbar mit.
Und so lauschte ich diese Woche unfreiwillig den Ausführungen einer mir fremden Frau, die zu notieren sich lohnen. Denn ungefähr so beginnen Heimatkrimis im Fernsehen.
Die Ratschkattl also erzählte von einem großen Bauernhof im Süden unseres Landkreises, was also mehr oder weniger in meiner Nachbarschaft sein muss, denn ich wohne im Süden Landkreises. Dort auf dem Anwesen habe der alte Bauer das Heft fest in der Hand und das wäre ein Trauerspiel.
„Ja, ja, so sans, die oide Leit“, wirft ihr Nachbar ein, dem der ganze Redeschwall gilt. Ich bin dankbar, dass er nicht mehr sagt und den Erzählfluss der Frau unterbricht. Die nämlich plaudert nun munter zur Freude aller Anwesenden weiter Details aus dem Familienleben des Bauern aus. Und  sie versichert mehrfach, dass alles wahr ist.
Klar ist es das. Wer hätte je daran gezweifelt, dass aus dritter Hand irgendwelche Gerüchte kolportiert werden?
Wie dem auch sei, der alte Bauer also lasse alles verkommen, mokiert sie sich. Er scheue die Renovierung, die dringend nötig sei, zögere jede Ausgabe bis zum Geht-Nicht-Mehr heraus und so werde alles nur noch schlimmer. s werde schon viel darüber geredet im Dorf, in welchem, sagt sie leider nicht!
„Von den Erträgen bleibt kaum noch was hängen“, legt sie gleich noch die Finanzlage des Anwesens offen. „Das ist auch der Grund, warum er nicht investiert. Ein Teufelskreis. Denn ohne Investition kommt bald gar nichts mehr rein. Eine Schande ist das.“
„Ja, ja, das Geld“, ist alles, was sie von ihrem Nachbarn als Antwort bekommt. Reicht auch, damit sie weiterredet.
„Aber der Alte weigert sich hartnäckig, endlich in den Austrag zu gehen“. Für Nichtbayern: Gemeint ist der Rückzug aufs Altenteil.
Einen Sohn gäbe es, erfahren wir als Nächstes, der mache schon jetzt die meiste Arbeit auf dem Hof.
„Aber der Alte lässt ihn einfach nicht ran. Ja spinnt denn der?“
„Ja, ja, wann’s oid werdn, nachhert wern’s narrisch“, kommt der fachkundige Einwurf vom Schwitzgenossen.
Die Frau fährt fort. „Ja. Denn wenn der nämlich erst mal das Sagen hat, dann krempelt der den ganzen Hof um. Wird ja auch Zeit. Aber der Vater will das ja wie gesagt nicht…“
„Ja, ja, de junge Leit“, kommentiert der Nebenmann. „Und da Bruada?“
Die versammelte Dampfbadgemeinde horcht gespannt auf. Einen Bruder gibt es also auch noch. Besser gesagt: Einen weiteren Sohn.
Der, so wird uns durch die Eukalyptus-Minze-Schwaden hindurch berichtet, sei längst in die Kreisstadt gezogen. Er habe ein Handwerk gelernt, den Meister gemacht und einen Betrieb aufgebaut.
„Der läuft so gut, dass er ein halbes Dutzend Angestellte hat und nicht im Traum daran denkt, auf den elterlichen Hof zurückzukehren. Versteh ich. Würd ich auch nicht machen.“
Ich übrigens auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte.
Das freilich verstehe der Vater nicht, der Vater glaube wohl noch immer, wenn er nicht mehr könne, würde der Sohn schon wiederkommen und den Hof weiterführen.
„Ja mei“, wirft der Kommentator ein. „Und’s Dirndl?“
Schnell wird auch das abgehandelt: Das dritte Kind, die Tochter, ist längst verheiratet und nach München gezogen.
„Ja, ja, so sans, allaweil woin’s nach Minga“, grantelt der Mann.
„Die hätte es am liebsten, die ganze Sach würde verkauft. Lieber früher als später.“
Und wir erfahren auch, welcher Gedanke dahinter steckt: Dann nämlich hätte der Vater ausgesorgt auf die alten Tage. Und für sie – damit meint sie sich und ihre Brüder – würde auch ein schöner Batzen Geld übrig bleiben. Und wenn der Vater denkt, der könne dem Sohnden Hof überschreiben, und sie ginge leer aus, da kenne er sie aber schlecht. Ihr Mann habe ihr geraten, nur gut aufzupassen, dass sie nicht zu kurz käme. Zur Not, so habe sie prophylaktisch den Brüdern mitgeteilt, werde sie ihren Pflichtteil einklagen.
Kein Kommentar. Von niemandem. Kein Geräusch – nur das Röcheln des Dampfautomaten durchdringt die Stille in der Sauna.

Die Frau, die ihre Nachrichtenbeschaffung sicher bei der Stasi gelernt hat, allerdings nicht die Verschwiegenheit in der Öffentlichkeit, berichtet weitere Details.
Die Lage sei jetzt so verfahren, dass einer der Brüder den Pfarrer gebeten habe, der solle doch mal mit dem Vater sprechen. Der Pfarrer sei der einzige, auf den der Hundling, der oide, überhaupt noch höre.
Aber der Pfarrer habe sich geweigert. Er wolle sich in diese Familienangelegenheiten nicht einmischen.

Fast rutscht mir an seiner Stelle ein „Ja, mei, so sans, die Geistlichen“ raus. Nur mühsam halte ich mich zurück.

Da steht die Frau auf.
„Mir ist heiß, ich geh schon mal raus.“
Spricht’s und verschwindet.
Und ich sitz da und weiß nicht, wer der Hundling ist und um welchen Hof es geht. Scheiße!
Hätt mich ja schon interessiert. Denn dann hätte ich etwas, womit ich beim nächsten Friseurbesuch auftrumpfen könnte. Aber ohne Namen ist die ganze Story nichts wert. Könnte ja auch glattweg erfunden sein. Dabei entspricht das alles absolut der Wahrheit. Ich hab’s ja mit eigenen Ohren gehört. Quasi aus erster Hand.
Im Dampfbad.
Von einer Fremden.
Wer sollte also zweifeln?


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