Der Eine und der Andere

Der Eine und der Andere: Sie haben viel gemeinsam. Zum Beispiel ihr Alter und ihre Herkunft. Beide nähern sich der 50, beide stammen aus der gleichen Stadt, die irgendwo eingezwängt ist zwischen Ruhrpott und Sauerland, umspült von Lenne, Volme und Ruhr.
Beide haben fast das gleiche studiert, wenn auch in verschiedenen Städten und mit ganz unterschiedlichen Perspektiven und Zielen.
Und so trieb es den einen über die Ruhr nach Norden, den anderen über die Donau tief in den Süden.
Eine Zeitlang liefen ihre Lebenswege parallel, man kannte sich, war locker befreundet, verbrachte gemeinsame Zeit. Dann trennten sich die Pfade, der Kontakt riss ab – wie das eben so ist.
Während der eine nun in Dortmund lebt und arbeitet, pendelt der andere tagtäglich im Münchner Raum hin und her. Skurrilerweise ist der Eine, der Wahl-Dortmunder, eingefleischter Fan des FC Bayern und damit im tiefsten „Feindesland“. Der Andere ist der Zugroaste in Bayern und damit tief im Stammland der FC-Bayern München. Sein westfälisches Herz aber schlägt schwarz-gelb – also auch er an der „final frontier“.
Das ist paradox, aber Realität. Ich bin der andere, soweit steht fest, die Identität des Einen tut hier nichts weiter zur Sache.
Jahre haben der eine und der andere nichts voneinander gehört, dann aber holt den einen wie den anderen die Vergangenheit wieder ein. Zwar kann man sich ohnehin nie von seiner eigenen Geschichte nicht trennen, aber meist lässt man doch Abschnitte seines Lebens in der Vergangenheit zurück, Kapitel, die man als geschlossen erachtet.
Heute aber funktioniert das weniger denn je. Es reicht ein gemeinsamer Bekannter, den man als „Facebook-Freund“ akzeptiert hat, und schon schlägt einem die Social-Community längst vergessene Namen von uralten Freunden aus Schule, Nachbarschaft und Studium vor. Da es denen aber genauso geht, kommen plötzlich Freundschaftsanfragen von Menschen, an die man sich erinnert, sie mal gekannt zu haben.
Aus den Augen, aus dem Sinn – Facebook straft das Lügen.

Nun also erfreut sich der Eine, der Bayern-Fan, daran, seinen Facebook-Freunden immer wieder die rote Erfolgsgeschichte unter die Nase zu halten, während der andere noch jeden Torjubel des BVB-Facebook-Livetickers mit „gefällt mir“ versieht und auch sonst Meldungen seines Vereins auf seine Pinnwand spiegelt. Das ist nicht ungewöhnlich, das machen Tausende Fans aus echter Liebe zu ihrem Verein.
Dann aber kommt es am 30. Spieltag der Saison erneut zum Gipfel. Dieses Mal in Dortmund.
Siegeswillig waren die Bayern an die Ruhr gekommen, sich für die novembrige Schmach zu revanchieren. Damals war der Andere, also ich, in der Allianz-Arena, komplett in Schwarz-Gelb. Davon wird später an dieser Stelle noch zu reden sein.

Am 30. Spieltag nun geht der Eine, von dem ich mir nicht vorstellen kann, dass er auch Fanschal, Kappe und Trikot in seinen Vereinsfarben trägt, in den Signal-Iduna-Park. Während der Andere euphorisiert im November nach Hause fährt, hat der Eine nicht das Glück, dass seine Mannschaft die Punkte macht.
Das Ergebnis ist bekannt: Leandowski drückt das 1:0 in Neuers Kasten, Robben erschleicht sich einen Elfmeter, den Weidenfäller hält und Neven Subotic mit allerlei Unflätigkeiten, die er Robben ins Gesicht brüllt, quittiert.

Das aber versteht der Eine nicht – wie eben viele andere Fans des FC Bayern auch nicht. Der Unmut schwappt ins Netz. Die Bayern-Fans entrüsten sich. Ich versuche meinem Counterpart auf seiner Facebook-Seite klar zu machen, was da gerade passiert ist:

Der BVB wird lernen müssen, souveräner und mit weniger Häme mit seinen Siegen umzugehen (dazu gibt’s gerade einen tollen Artikel bei den 11 Freunden ), so wie der FCB lernen muss, mit Niederlagen umzugehen. Wer heute das Lahm-Interview im BR gehört hat, muss sich wundern, warum der FCB nicht haushoch gewonnen hat, wo doch der Verein das Spiel in weiten Strecken dominiert hat (vielleicht hat der kleine Mann aber übersehen, dass man Spiele nicht dominieren sondern gewinnen muss).

Schreibe ich ihm auf die Pinnwand.

Man darf eben nicht vergessen; Das Prinzip „Mia san mia!“ gepaart mit der unglaublichen vorauseilenden Arroganz, wie sie Hoeness, Rummenigge und Co praktizieren, wie sie von den Bayern-Fans hier demonstrativ stolz-geschwellt und gockelig zur Schau getragen wird und von den einschlägigen Münchner Boulevard-Gazetten/Stationen (az, Bild, tz, MM sowie alle lokalen Radios bis hin zum BR) medial aufgeblasen wird, provoziert nun mal diese unglaubliche Häme. Die Schmähungen der Gegner durch die hochnäsigen und herablassenden Statements aus der Säbener Straße laufen wesentlich subtiler und provozieren eine Aversion bei allen anderen Vereinen und deren Anhängern, die keinem anderen Club so entgegen bläst wie dem FCB.
Das entschuldigt nichts, aber es macht es mir zumindest verständlich.

Foto: privat.

Und genau hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen beiden Vereinen. Während Jürgen Klopp die ganze Saison Understatement betrieb, Meisterschaftsambitionen stets von sich wies und damit den BVB kleiner machte als er ist, vollziehen Hoeness, Rummenigge und Beckenbauer nebst versammelten Kader genau die gegenteilige Strategie: Der FC Bayern macht sich öffentlich gern so groß, wie es eben möglich ist. Vielleicht befolgt der Verein die Devise, dass Größe wiederum Größe hervorbringt, und diese Rechnung geht oft genug auf, aber nicht immer.
Wie lehren Aufdrucke auf den Kapuzenpullis, die vor der Allianzarena verkauft werden, die Anhänger anderer Vereine so schön? „Kniet nieder ihr Bauern, der Meister kommt“ und „Euer Hass ist unser Stolz“. Dem wäre wohl nichts mehr hinzuzufügen, wenn diese Hoodies nicht auch vor jedem anderen Stadion angeboten würden, neuerdings auch mit einer winzigen orthographischen Änderung. Das Bauern-u wurde durch ein y ersetzt.
Nun ist die Saison vorbei und der Eine fiebert dem Finale der Champions League entgegen, derweil sich der andere über die gewonnene Meisterschaft freut.
Dazwischen – nämlich morgen – treffen beide Vereine im Pokalendspiel in Berlin aufeinander.
Der Dortmunder hat vor seinem Haus eine Fahne gehisst und das Bild bei Facebbok hochgeladen: Es zeigt nicht etwa eine rote oder eine schwarz-gelbe Fahne – sondern beide Wappen halbiert und vereinigt auf einem Tuch. Und da kommt Freude auf…
Egal, wie das Spiel morgen ausgehen wird, ich bin sicher, wir beide werden dem Pokalgewinner und seinen Fans in unseren FB-Freundeskreisen digital gratulieren.

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