Damals in Baden-Baden…

Baden-Baden ist nicht unbedingt eine Reise wert.
Das behaupte ich an dieser Stelle einfach mal. Aber ich schränke ein: Ich bin auch nicht in dem Alter oder Gemütsverfassung, in dem ich die Vorzüge einer ehedem mondänen deutschen Kurstadt zu genießen wüsste. Das Spielcasino brauche ich nicht, die Geschäfte verkaufen dort auch nichts anderes als in München – eher weniger, denn das Warensortiment „Modische Garderobe für Menschen unter 60 Jahren“ fehlt bis auf einen H&M gänzlich. Und letztgenannten gibt es nun wirklich überall.
Auch die netten Lädchen mit den antiken Unnützitäten können mich nicht reizen. Kein Mokkatässchen aus dm 19. Jahrhundert, keine Figurine aus dem 18. oder eine romantische Landschaftsmalerei eines Adolf Stademann (1824 – 1895) können mich begeistern…
Und Frühling und blühende Bäume gibt es eben auch überall, nicht nur in Baden-Baden. Ok, da sind es im Stadtgebiet und Kurpark vielleicht ein paar mehr, weitere dazu in den Gärten der mondänen Villen, aber das allein ist kein Grund, diese kreisfreie in Baden-Württemberg anzufahren. Was also soll ich dort?

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Natürlich schaut es idyllisch dort aus, heimelig und einladend – aber, eben, wie gesagt, wenn man die 60 weit überschritten hat und sich fur Marken wie Ralph Lauren oder Paul & Shark begeistern kann, seinen Lebensinhalt in Flanieren und Massieren findet und hin und wieder ein paar Jetons verzockt.
Dass ich trotzdem im Frühjahr dieses Jahres nach Baden-Baden gefahren bin, ist einem Kongress geschuldet, den ich beruflich besucht habe.
Meinem Freund Peter, mit dem ich mich gern über die Vorzüge und Nachteile der Geschäftsreisen und Hotels austausche, zeige ich vor meiner Abreise dieses Bild:

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„Peter,“ sage ich ihm. „Schau mal, so sehen dort die Hotelzimmer aus“. Ich halte ihm mein Telefon unter die Nase. Das Bild ist ein Screenshot von der Internetseite des Hotels, in dem wir nächtigen sollten. Das habe ich extra angefertigt, um es Peter zu zeigen. Seine Reaktion ist vorhersehbar.
„Ich bin ja gespannt, ob die Tante dann auch auf dem Bett liegt, und ist die im Preis eigentlich inbegriffen?“ kommentiert er grinsend. So flapsig kenne ich den sonst so nörgeligen Peter gar nicht.
„Wenn es so ist,“ erwidere ich, „dann können sie mir doch an Stelle dieser Tante auch ne Flasche Rotwein auf’s Zimmer liefern, da hab ich im Zweifel mehr davon. Mal ehrlich, was soll ich mit dieser Person?“
Peter grinst noch immer.
„Weiß ich auch nicht. Ich würd sie vermutlich…“ den Satz beendet er nicht. Weil es besser ist.
„Mal angenommen, was ich nicht glaube, dass die sich echt auf’s Bett drapiert, dann tausch ich sie um gegen nen Fläschchen. Oder ich frag nach ’nem Preisnachlass.“
Peter nickt zustimmend. „Die scheinen es ja in Baden-Baden echt nötig zu haben, Gäste in ihr Hotel zu locken“.
„Keine Ahnung“, antworte ich. „Ich kenn die Hütte nicht. Aber wie dem auch sei, ich lass Dich wissen, ob so ’ne Trutsche auf dem Bett liegt. Ich schick Dir ’n Foto vom Zimmer, gleich per What’sApp.“
Was ich auch getan habe.

baden2Erste Aktion noch vor dem Kofferauspacken. Das Zimmer fotografieren. Es sieht fast so aus wie im Prospekt. Abgesehen davon, dass ich das größenverzerrende Weitwinkel mit dem Handy nicht nachstellen konnte. Auch der Blumenstrauß fehlt. Das ist verschmerzbar. Und natürlich ist die spärlich bekleidete Dame nirgends im Zimmer zu finden, nicht, dass Sie jetzt meinen, ich hätte sie für die Dauer des Fotos im Bad versteckt. Es gibt sie einfach nicht.
Aber wenigstens den Bademantel hat sie da gelassen. An der Rezeption beschwere ich mich nicht, denn ich bin fast sicher, die stets freundliche Hotelmitarbeiterin (das sind die, die am Telefon sagen: „Schönen guten Tag, das ist das Hotel…., mein Name ist …., was kann ich für Sie tun?“) würde es wohl auch nicht witzig finden.
Zu Recht.
Sie würde lächeln, eine bemüht freundlich charmante Antwort suchen und finden.
Aber sie fände den Scherz vermutlich ebenso geschmacklos wie ich den wildgemusterten Teppichboden im Hotel.
Immerhin haben sie ein sehr schönes Schwimmbad im Hotel. Jetzt weiß ich auch, wofür der Bademantel eigentlich gedacht ist. Damit darf ich vom Zimmer zum  Schwimmbad und zurück eilen. Das Schwimmbad suche ich natürlich auf, allerdings nicht im Bademantel, kein Thema, sich für den Weg ordentlich anzuziehen.  Und ich habe – das versöhnt mich sofort – das Schwimmbad ganz alleine für mich . Aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.

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