Balladenmontag: Der Bauer ist kein Spielzeug…

Balladenmontag.
Einmal mehr ruft Christiane, die den Blog „Irgendwas ist immer“ betreibt, dazu auf, Balladen zu bloggen. Zum heutigen Ostermontag sollen/dürfen/können wir wieder mitmachen (auf das Bild klicken, wer mehr wissen will) und der vom Aussterben bedrohten Lyrik auf unseren Seiten einen kleinen Schutzraum bieten.

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Das lasse ich mir nicht zweimal sagen, Balladen mochte ich immer schon. Also bin ich dabei.
Und dieses Mal grabe ich in den Tiefen meiner Vergangenheit. Für mich stellt sich heute die spannende Frage, welche Ballade diejenige ist, an die ich meine frühesten Erinnerungen knüpfe.
Satzfragmente fallen mir ein „… und fragest Du nach den Riesen, Du findest sie nicht mehr“ oder  „Der Bauer ist kein Spielzeug“ – theatralisch und gestenreich vorgetragen von meiner Großmutter.
Sie versorgte meinen Bruder und mich seit unserer Kindergartenzeit mit Geschichten, brachte uns in Kontakt mit Rübezahl, dem Bergriesen ihrer schlesischen Heimat, mit Liedern über Burgen an der Saale, mit dem Erlkönig und dem Riesenspielzeug.
Die Ballade von Adelbert von Chamisso hat sie uns Dutzende Mal vorgelesen, als wir selbst noch nicht lesen konnten und vermutlich auch nur Bruchteile des Textes richtig verstanden. Es dürfte die erste Ballade sein, die mir im Leben begegnet ist. Zumindest is es die erste, an die ich mich erinnern kann. Unwahrscheinlich aber, dass noch etwas davor war, was den Stempel „Ballade“ trug.

Die Bilder in dem Buch, aus dem sie vorlas, bleiben blass in der Erinnerung, sie wollen nicht wiederkommen. Und die Bildersuche bei Google bringt leider nichts, was mir bekannt vorkommt.
Aber den erhobenen, mahnenden Zeigefinger meiner Großmutter, wenn sie diesen bedeutungsschweren Satz sprach „Der Bauer ist kein Spielzeug“ und das Gewicht, das sie dabei in ihre Stimme legte, sind es umso mehr.

Erstaunlich, wenn ich diese Ballade über 40 Jahre später wieder lese, wie schnell mir der so oft gehörte Text wieder im Ohr ist, dass ich ihn fast auswendig mitprechen kann.
Erstaunlich, warum der Satz „Der Bauer ist kein Spielzeug“ nichts, aber auch gar nichts an Gültigkeit eingebüßt hat und man ihn heute statt den Riesen vielleicht den Politikern in Brüssel und Berlin zurufen müsste… aber das ist eine andere Geschichte.

Das Gedicht von 1831 beruht auf einer elsässische Sage, die in der Literatur mehrfach adaptiert wurde.

Das Riesen-Spielzeug

Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohl bekannt,
Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand;
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,
Du fragest nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Einst kam das Riesen-Fräulein aus jener Burg hervor,
Erging sich sonder Wartung und spielend vor dem Thor
Und stieg hinab den Abhang bis in das Thal hinein,
Neugierig zu erkunden, wie’s unten möchte sein.

Mit wen’gen raschen Schritten durchkreuzte sie den Wald,
Erreichte gegen Haslach das Land der Menschen bald,
Und Städte dort und Dörfer und das bestellte Feld
Erschienen ihren Augen gar eine fremde Welt.

Wie jetzt zu ihren Füßen sie spähend niederschaut,
Bemerkt sie einen Bauer, der seinen Acker baut;
Es kriecht das kleine Wesen einher so sonderbar,
Es glitzert in der Sonne der Pflug so blank und klar.

Ei! artig Spielding! ruft sie, das nehm’ ich mit nach Haus.
Sie knieet nieder, spreitet behend ihr Tüchlein aus,
Und feget mit den Händen, was da sich alles regt,
Zu Haufen in das Tüchlein, das sie zusammen schlägt;

Und eilt mit freud’gen Sprüngen, man weiß, wie Kinder sind,
Zur Burg hinan und suchet den Vater auf geschwind:
Ei Vater, lieber Vater, ein Spielding wunderschön!
So Allerliebstes sah ich noch nie auf unsern Höh’n.

Der Alte saß am Tische und trank den kühlen Wein,
Er schaut sie an behaglich, er fragt das Töchterlein:
Was Zappeliges bringst du in deinem Tuch herbei?
Du hüpfest ja vor Freuden; laß sehen, was es sei.

Sie spreitet aus das Tüchlein und fängt behutsam an,
Den Bauer aufzustellen, den Pflug und das Gespann;
Wie alles auf dem Tische sie zierlich aufgebaut,
So klatscht sie in die Hände und springt und jubelt laut.Das Riesenspielzeug - zum Balladenmontag

Der Alte wird gar ernsthaft und wiegt sein Haupt und spricht:
Was hast du angerichtet? das ist kein Spielzeug nicht!
Wo du es hergenommen, da trag’ es wieder hin,
Der Bauer ist kein Spielzeug, was kommt dir in den Sinn!

Sollst gleich und ohne Murren erfüllen mein Gebot;
Denn, wäre nicht der Bauer, so hättest du kein Brod;
Es sprießt der Stamm der Riesen aus Bauernmark hervor,
Der Bauer ist kein Spielzeug, da sei uns Gott davor!

Burg Niedeck ist im Elsaß der Sage wohlbekannt,
Die Höhe, wo vor Zeiten die Burg der Riesen stand,
Sie selbst ist nun verfallen, die Stätte wüst und leer,
Und fragst du nach den Riesen, du findest sie nicht mehr.

Das verwendete Foto stammt aus meinem Familienalbum, zeigt meine Großmutter und mich (allerdings noch vor meiner aktiven Zeit als Zuhörer), die Illustration stammt aus einer Werkausgabe der Texte von Chamisso und ist gemeinfrei.


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6 Kommentare


  1. Stimmt überhaupt, diese Ballade kenne ich auch aus meiner Kinderzeit! Ich/wir hatten da auch so ein Buch mit Märchen und Sagen aus dem ehemals deutschen Osten, mindestens eins. Ach, wo das wohl abgeblieben sein mag … wie die Zeit, wo ist sie hin.
    Danke, dass du wieder mitgemacht hast, danke fürs Erinnern!
    Liebe Osterrestgrüße
    Christiane

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  2. Ich habe in meinen Schätzen gestöbert und in den Balladensammlungen war es nicht zu finden, aber in einer Ausgabe „Die schönsten deutschen Kindergedichte“ gesammelt von Herbert Heckmann und Michael Krüger aus dem Hanser Verlag von 1979.

    Der Bauer sollte nie Spielzeug sein, ist aber leider oft Spielball zwischen den Lobbyisten.

    Dank für’s Erinnern.

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  3. Beim Lesen habe ich festgestellt, dass ich die Ballade auch kannte. Ich habe sie in einem Buch mit Märchen und Sagen gelesen und sie war sofort wieder da, mitsamt den Bildern, die ich dazu hatte. Balladen sind eben irgendwie auch grandioses Kopfkino, gereimte Meisterwerke.
    liebe Grüße Carmen

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  4. Die Riesen sind ausgestorben, weil die kleinen Bauern nicht genug Riesenbrot gebacken haben. Ganz zu schweigen von der Ernte der Riesentrauben für den Riesenwein. 🙁
    Meine erste Ballade war sicher von Schiller. Ein Rübezahl-Buch liegt hier auch noch rum.

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  5. Danke für diese Ballade! Ich kannte nur die erste Strophe, konnte sie aber nicht zuordnen. Jetzt kenne ich endlich das ganze Gedicht.

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