Blogparade ‚Ohne Apotheke*r fehlt Dir was‘: Ja, mein Leben

Dass die Bloggerin Priska Harmama eine Blogparade zur Thematik „Ohne Apotheke *r fehlt Dir was“ veranstaltet, liegt nahe. Schließlich ist die Schweizerin selbst Apothekerin und kennt sich aus.  ohne-apotheke_r3
Bei dieser Parade mitzumachen, ist für mich eine kleine Herausforderung, will ich mich nicht in die Nesseln setzen: Ich könnte satirisch über das Standesdünkel der Apotheker schreiben oder eine Glosse zur hochnotnervigen Pharmawerbung nebst Nebenwirkungswarnung. Oder ein weiteres Mal zu den freundlichen Angeboten der „Apotheken“ per Mail diverser Blaupillenlieferanten.
Oder ich sage „Ohne Apotheke*r fehlt Dir was…“

Ja, mein Leben.

Denn mein Großvater war Apotheker. Und ohne ihn gäbe es mich nicht, bzw. wäre er nicht Apotheker geworden, wäre ich nie zur. Welt gekommen. Zugegeben, die Logik ist sehr steil. Ohne die Vertreibung am Ende des Zweiten Weltkriegs gäbe es mich auch nicht. Trotzdem käme ich nicht auf die Idee, dass ich mein Leben dem Dritten Reich verdanke. Aber zurück zu meinem Opa:
Wäre mein Opa wie viele Dortmunder damals in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts bei Hoesch auf Maloche gegangen, gäbe es mich nicht.
Er aber, der Strunck Karl, Jahrgang 1900, war zu Höherem berufen, ging nach München, studierte Pharmazie, lernte dort seine Lies’l kennen (meine Großmutter Luise), heiratete das Münchner Kindl und brachte sie ins preußische Westfalen nach Hagen, wo er seine erste Apotheke übernahm, die es übrigens heute noch gibt.
opa--apotheke1Zwei Töchter machten das Familienleben meiner Großeltern turbulent, mein Großvater eröffnete in den 50ern eine andere Apotheke, die es ebenfalls noch gibt. Dort lernte meine Mutter Apothekenhelferin und wunderte sich über den schüchternen jungen Mann mit dem sonderbaren, schlesischen Akzent, einen Flüchtling, einen Vertriebenen, der so oft kam und Hustenpastillen kaufte. Dabei war der doch gar nicht erkältet, sondern erfreute sich bester Gesundheit. Er simulierte den Husten nur, denn er war verliebt in Karl Struncks ältere Tochter.
Nur der tägliche Kauf dieser Pastillen rechtfertigte den täglichen Gang in die Apotheke. Derweil sich daheim in den Schubladen die Hustenpillen sammelten, bemerkte meine spätere Mutter, was der Mann wirklich von ihr wollte – und sie war nicht abgeneigt.

Tja… verliebt, verlobt, verheiratet. Und dann kam irgendwann der erste Junge – mein Bruder. Dabei hatten die Leute vorher noch getuschelt:
„Klar… die ist ja Apothekertochter, die weiß natürlich, wie man das verhindert, wenn man keine Kinder will…“
Noch während meine Mutter meinen Bruder im Kinderwagen durch die Stadt schob, wuchs wieder der dicke Bauch – und darin ich. Da hieß es dann hinter vorgehaltener Hand und hinter ihrem Rücken:
„Klar… die ist ja Apothekertochter, die weiß natürlich, wie’s geht.“

Ohne Apotheker also gäbe es mich nicht – und ohne diesen einen Apotheker auch nicht so viele schöne Erinnerungen an meine frühe Kindheit.opa
Wenn ich heute durch unser Haus gehe, sind es vor allem drei Erinnerungsstücke an meinen Opa: Eine Waage mit Schalen aus Horn, eine braune Glasflasche mit Schliff und sein Studentenkrug.
Keiner dieser Gegenstände ist, seit sie in meinem Besitz sind, je mehr benutzt worden. Sie zieren mein Heim und stauben ein. Und sie halten Erinnerungen wach.
Es gab einen riesigen Raum, in dem er allerlei große Dosen mit getrockneten Kräutern aufbewahrte. Es roch würzig und streng dort. Bisweilen, wenn ich heutzutage bei einem Spaziergang durch regenfeuchte Wälder an stark aromatischen Kräutern vorbei komme, habe ich diesen Duft wieder in der Nase und erinnere ich mich an früher: So roch es in Opas Vorratsraum. Kamille, Arnika, Wermutkraut, Baldrian und was er sonst noch so in den Dosen hatte… Ich weiß es nicht.

Und es gab noch einen weiteren Raum, in dem er mixte und machte. Mein Opa war noch ein Apotheker von altem Schlag – so einer mit eigener Rezeptur: Viele Salben, Tees, Tinkturen machte er selbst, zumindest in meiner Kindheit. Daher die braunen Flaschen mit allerlei Indigrenzien, die uns Kindern, die sonst unbekümmert durch seine Apotheke springen durften, natürlich verboten waren. opa-apotheke3Opa war so vernarrt in seine beiden Enkel, dass er auch für meinen Bruder und mich immer etwas in seiner Apotheke herstellte – natürlich keine echte Medizin, aber geheimnisvolle Wundermittel.
Er mischte Flüssigkeiten zusammen, füllte sie in kleine braune, eckige, geriffelte Medizinflaschen, klebte eines seiner Etiketten darauf und stöpselte sie mit einem Korken zu. Zielwasser sei das, behauptete er. Und wir tranken. Und tranken. Dann übten wir im Garten Bogenschießen mit Saugnapfpfeilen.
So richtig gut getroffen haben wir trotz des Zielwassers nicht. Aber wir nahmen es sehr ernst. Wir glaubten daran. Es kam ja aus der Apotheke. Also musste es funktionieren. Und ein Opa bescheißt seine Enkel nicht!
Aber er „quält“ sie: Mit Lebertran, den er auch in solche Flaschen abfüllte. An dessen Wunderwirkung glaubten wir zwar nicht, aber mein Vater, meine Mutter und mein Opa umso mehr.
„Das ist gut und gesund“, davon war er überzeugt. „Lebertran hat immer geholfen. Er hat uns alle über den Krieg gebracht…“
Während privilegierte Mitschüler längst Lebertran geschmacksneutral in Kapselform bekamen, mussten meine Bruder und ich das eklige Zeug noch pur zu uns nehmen und herunterwürgen. Jeder einen Löffel voll, jeden Mittag. Widerlich.
Erst als mein Bruder die Flasche völlig aus Versehen und mit voller Absicht fallen ließ und mit dem öligen, stinkigen Tran den halben Küchenboden einsaute, hatte der Spuk ein Ende. Für diese mutige, rebellische Tat gebührt ihm großer Dank.

Als er weit über 70 Jahre alt war, hat mein Großvater die Apotheke aufgegeben. Ein paar Erinnerungsstücke habe ich mir gesichert. Die Flasche und die Waage. Und nach dem Tod meines Großvaters nahm ich mir seinen Krug aus der Studentenverbindung Teutonia, den er zur studentischen Schwimmmeisterschaft 1925 bekommen hatte.
Aller guten Dinge sind eben drei.opa--apotheke

PS: Danke an meinen Bruder, dass ich mal wieder ein Foto, das ihn und mich zeigt, hier verwenden darf.

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