Gestern im Baumarkt: Nix wie raus aus Orange County

Männer sind ja gerüchteweise

  1. unendlich neugierig, was dem natürlichen Forschertrieb geschuldet wird
  2. mit Werbung gut zu ködern, wenn diese nur einigermaßen ihren Interessen entspricht
  3. erst selig, wenn sie im Paradies sind – in einem Baumarkt

All das kann ich bestätigen. Und da ein neues, echtes Männerparadies hier in der Gegend gerade erst eröffnet hat, begebe ich mich schnurstracks dahin. Ist ja nicht so, dass ich nicht seit Monaten der Eröffnung des Baumarkts entgegen fiebere… Immerhin schaue ich schon, da er direkt an der Autobahn errichtet wurde, monatelang bei dessen Werden zu. Morgens und abends fahre ich dort vorbei, nun endlich kann ich den Blinker setzen. Es ist auch nicht so, dass es nicht genug Baumärkte in der Region gäbe und ich mich längst für einen entschieden habe, bei dem ich aus guter Gewohnheit und leicht autistischer Grundveranlagung immer alles kaufe. Und zu den anderen gehe ich sowieso nicht. Trotzdem, mal schauen kann ja nicht schaden.
Mich macht stutzig und sofort übellaunig, dass der Parkplatz überfüllt ist mit einer schieren Hundertschaft an Mitarbeitern. Sie alle winken die die wenigen Fahrzeugführer zu freien Stellplätzen. Auf Parkplätzen an Skiliften lass ich mir das ja noch gefallen. Dort ist es sinnvoll, sonst herrscht bald das komplette Chaos. Aber bitte, bei einem Baumarkt, bei dem sowieso jeder Stellplatz markiert ist, muss das echt nicht sein. Und es ist auch nicht annähernd so voll wie auf dem Parkplatz eines Supermarktes vor einem Feiertag. Was also soll das?
Ich mag so was nicht. Ich will weder zu einer noch in eine Parklücke gelotst werden. Ich bin schon groß und weiß selbst, wo ich meine Raubkatze abstellen will. Außerdem muss ich genau überlegen, welchen automobile Nachbarschaft ich der meiner Katze zumuten darf. Ich parke ja noch lang nicht neben jedem.
Im Markt selbst ist auch eine Hundertschaft an Mitarbeitern aufgelaufen. Aus jeder Ecke grinst es den neugierigen Kunden entgegen. Wohl trainierte Freundlichkeit, die ins Gesicht gemeißelt ist, strahlt mit Badezimmerarmaturen um die Wette. Mir ist das unheimlich. Das eine oder andere Gesicht habe ich schon mal in einem anderen Baumarkt vorher gesehen, Den dürren Verkäufer in der Zooabteilung kenne ich von seiner vorherigen Arbeitsstelle. Freundlich fand ich den nie. Dann muss er mich jetzt auch nicht anstrahlen wie ein Halogenscheinwerfer.
Mir ist auch trotz höflicher Nachfrage nicht zu helfen, auch nicht beim fünften gleichlautenden Angebot. Ich weiß, ich bin ein Misanthrop. Daher können mich auch die heiteren Mitarbeiter im Plüschkostüm nicht begeistern, auch nicht die Verkäuferin im Dirndl, die Gratis-Brezen verteilt und noch weniger der lederbehoste Begleiter, der aus einem auf dem Rücken geschnallten Tank unablässig irgendein Zeugs in Plastikbecher abfüllt und es den Besuchern reicht.
krams2Verstohlen blicke ich mich um, ob vielleicht irgendwo eine Bühne aufgebaut ist. Vielleicht singt ja das 70er-Fossil Suzi Quatro oder der ebenso angestaubte Roland Kaiser. Bei Baumarkteröffnungen tritt die Liga der abgehalfterten Schlagersänger ja ebenso regelmäßig auf wie die einstigen poppigen Stammgäste aus Ilja Richters „Disco“-Sendung. Zum Glück gibt’s aber keine Bühne, mir bleibt ein peinliches Playback-Konzert erspart. Und Roland Kaiser hat ja sowieso gerade keine Zeit, der schwadronierte ja gerade noch, als ich auf den Parkplatz kam, in einer Radio-Talkshow, womit ich mich der trügerischen Illusion hingebe, die Sendung sei live.
Statt aus irgendwelchen Entertainment-Veteranen dröhnt die Musik aus Lautsprechern. Popmusik der 80er ist angesagt. Ein netter Mensch läuft mit Mikrophon auf und ab und verkündet über die gleiche Beschallungsanlage immer neue Superlativen von „Bayerns schönstem Baumarkt“. Ahnung davon hat er wohl nicht, denn besonders schön ist der dieser Markt nicht. Der Arme, dem nicht wirklich irgendwer zuhört, donnert ins Mikrophon, wie viele tausend Artikel hier angeboten werden (interessiert mich nicht, hab ich vergessen), und das auf unvorstellbaren 15.000 Quadratmetern (interessiert mich auch nicht, hab ich trotzdem behalten). Es fehlt jetzt nur noch der Hinweis, wie groß die Grundfläche des Marktes umgerechnet in Fußballplätze ist, aber die Zahl liefert er nicht. Statt dessen schwärmt er vom Baumarkt als „Orange County“. Jetzt weiß ich: Hierzu muss ich einfach ein paar Notizen schreiben, das bin ich mir schuldig.
Ein paar Meter weiter, dreht eine Verkäuferin am Rad. Glücksräder gibt es also auch noch. Sie zerrt unermüdlich Kunden heran, die mit etwas Glück ohne Preis schnell der Peinlichkeit entfliehend weitergehen können. Mit etwas weniger Glück bekommen sie einen Bleistift (gibt’s bei Ikea umsonst), oder ein winziges Tütchen Gummibärchen, oder – wie großartig – eine Baseballcap mit Firmenlogo. Die will ich gar nicht gewinnen, obwohl die Cap so gut zu einem Schal mit Logo des gleichen Unternehmens passen würde, den ich mal geschenkt bekommen habe. Nur hab ich den Schal nicht mehr. Einmal hat er mir bei der Gartenarbeit den Hals verkratzt, dann wurde er aussortiert und erfreut jetzt jemandem, der weniger empfindlich an der Kehle ist. Irgendwie vermisse ich nur noch das obligatorische Kinderschminken… Ach nein: Ist ja ein Männerparadies und kein Familienausflugsziel. Aber vielleicht wir das am Samstag noch angeboten, wenn die Vatis die Muttis und die kleinen Schätzchen einpacken und mit einem Ausflug ins Möbelhaus ködern, dann aber – oh Wunder – verkünden, sie wollten danach nur mal schnell… Sie wissen schon.
Trotz seiner riesigen Ausmaße brauche ich nur fünf Minuten, um im Markt das Hässlichste zu entdecken, was er zu bieten hat. Dazu marschiere ich zielstrebig in die Gartenabteilung, die für mich immer die Nagelprobe darstellt. Noch vor einer Woche dachte ich in einem anderen Baumarkt, ich habe mir die volle Dröhnung gegeben. Doch dann entdecke ich hier in diesem diese merkwürdigen Produkte:

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Es wird Zeit zu gehen, sofort. Nix wie raus aus Orange County. Sofort

4 Kommentare


  1. … Deine Uhr geht falsch !!! – Du siehst, es gibt nichts zu tun

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    1. Vielleicht liegt es daran, dass ich am Mittwoch bereits auf dem Weg nach hause dahin gefahren bin. Dann stimmt auch die Überschrift nicht 🙂
      Das war nämlich nicht gestern, sondern vor-vorgestern.

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  2. Ich habe zu Hause noch 10 künstliche Weihnachtsbäumchen mit künstlichem Ballensack…..
    soll ich Dir einen oder auch alle mit bringen???? – ich würde sie für Dich auch mit Glitzer besprühen. Gute Besserung !!!

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