Ein echter Feger bläst nicht… Nie!

baumb1Manchmal frage ich mich, was dieser Unsinn soll, dass Bäume vor dem Winter ihre Blätter verlieren. Das muss doch nicht sein.
Ok, ich sehe ein: Rein biologisch ist das so lange sinnvoll, solange sich unser kleines, oberbayerisches Dorf in einer gemäßigten Klimazone befindet. Das wird auch noch eine Weile so bleiben. Unser Dorf  bleibt, wo es ist. Es wird nicht wegen großflächigen Braunkohleabbaus, der Errichtung einer Autobahn oder einer Mammuttalsperre abgerissen. Die Autobahn wird zwar gebaut, aber findige Planer haben dafür gesorgt, dass sie haarscharf am Dorf vobei gehen wird und eben nicht mittendurch. Doch das nur am Rande. Eher sorgt der Klimawandel dafür, dass irgendwann in Oberbayern Palmen, Oleander und Rosmarin gedeihen, wo jetzt noch Buche, Kastanie, Birke und Eiche die Jahrhunderte überdauern und den klirrend kalten Wintern trotzen. Diese mediterranen Gewächse haben längst ihre ersten Exemplare als Vorhut geschickt: Unsere intensiv-gartelnden Nachbarn zum Beispiel verschönern ihr Amiente rings um die Sommersonnensitzplätze mit allerlei subtropischem Grün und verräumen es jeden Winter in Warme. Es soll ja nicht einen jämmerlichen Erfrierungstod sterben.
Selbigen, also den Tod, vermeiden die heimischen Blattpflanzen klugerweise dadurch, dass sie die Blätter abwerfen. Aber mal ehrlich: Lästig ist das schon, oder?

Grundstückbesitzer wissen, was ich meine. Es laubt gegen einen an, und das nicht nur vom eigenen Gehölz. So üppig ist das bei uns im Garten auch nicht. Eine Blutpflaume in der Einfahrt und ein paar Sträucher. Das war es schon. Aber die riesigen Birken, die zwei Grundstücke weiter stehen, werfen Laub und Samen weit und viel, bis zu uns hinüber. Das ist  fast, als stecke ein perfider, hinterhältiger Plan hinter dem Ganzen.
baumb2Das jedenfalls scheint auch mein Nachbar zu denken und so fegt er ununterbrochen eingeflogene Birken- und Pflaumenblätter zusammen. Täglich kehrt er, kaum, dass er am Nachmittag von der Arbeit zurückgekommen ist, den Weg zwischen Haustür und Gartentor. Und ist er fertig, bläst ein freundlich gesinnter Windstoß in unsere Blutpflaume und der gute Nachbar könnte eigentlich wieder von vorne anfangen.
Wenigstens, so freue ich mich, ist der Mann ein echter Feger. Das hat man selten heutzutage. Allerorts wird ja mehr geblasen und gesaugt, kaum einer, der noch den Stiel zwischen die Finger nimmt und ordentlich mit der Hand arbeitet. Das meine ich jetzt nicht etwa schlüpfrig, obwohl die Zweideutigkeit natürlich beabsichtigt ist. Laubbläser, und nur darum geht es hier, gibt es bei uns nicht. Der Nachbar fegt seinen Weg, ich fege  unsere Einfahrt – beides blasenfrei... Ähm: Bläserfrei muss es heißen. Denn ganz blasenfrei geht das nicht von statten. Irgendwann, zieht man nicht Gartenhandschuhe an, sind die feingliedrigen Klavierspielerhände zerschunden und werfen eben doch Blasen. Damit will ich nicht sagen, ich sei Klavierspieler, aber meine Hände hätten sich womöglich dafür geeignet.
Ich muss zugeben, dass weder unser Fegerhythmus noch die -intensität mit denen unserer Nachbarmit zu vergleichen ist. Ich bin da komplett undeutsch: Weder fege ich täglich, noch wöchentlich und schon gar nicht grundsätzlich am Samstagvormittag. Das macht mich zu einem gefährlichen, subversivem, defätistischen Subjekt. Denn so etwas geht ja eigentlich gar nicht. Mir egal. Bei uns bleibt das Laub auch gern mal 10 Tage liegen bis mich der Ordnungsfuror überkommt und ich zum Besen greife und auf Teufel komm raus das Laub zusammenkehre.
Der Teufel kommt aber nicht, und schon gar nicht heraus. Übrigens auch nicht beim Hausmeister, der für das Gelände, auf dem sich unser Büro befindet, zuständig ist. Der hält auch auf Teufel komm heraus das Gelände ansehnlich. Dazu benutzt er im Herbst einen Laubbläser, der so einen Krach macht, dass man nicht mal beim geschlossenen Fenster das Alphabet richtig aufsagen kann, so sehr dröhnt es aus- und inwendig. Den Hausmeister unter seinen Ohrenschützern ficht das nicht an.
Überhaupt ist der gute Mann kein Feger. Aber er ist ein begeisterter Anhänger aller lärmmachenden Männerspielsachen. Im Herbst bläst er – wie gesagt – mit ohrenbetäubendem Lärm das Laub unter den winzigen Grasflächen unter den Bäumen, dem Gehweg und zwischen den parkenden Autos zusammen. Anschließend wird mit nicht minder weniger Getöse aufgesaugt. Den Winter donnert er, sobald ein Flöckchen gefallen ist, mit dem Schneeräumer, den er vor seinen Aufsitzrasenmäher montiert hat, über die Gehwege vor den Bürofenstern hin und her, bevor er den Gehweg einsalzt, als sei es ein Stück Pökelfleisch.
Den Frühjahr und den Sommer über verbringt er vorzugsweise auf gleichem Gefährt, dann natürlich mähend auf der Wiese hinter dem Gebäude. Und auf der Straßenseite? Wer mäht da? Es lohnt sich seiner Meinung nach nicht, dafür einen Aufsitzmäher aus der Garage zu holen. Oder doch? Lohnt sich das nicht immer? Allein mit Vollgas die Rampe der Tiefgarage hochzuknattern ist ein Erlebnis der besonderen Art. Für die oben bereits erwähnten kleinen Wiesenstücke unter den Bäumen hat der Hausmeister ein ganz besonderes Radau-Spielzeug: Einen benzinbetriebenen Rasentrimmer. Und da bekanntlich der Rasen hemmungslos gegen alles und jeden, vor allem aber gegen Hausmeister anwächst, muss das Gras so raspelkurz gehalten werden wie die Haare der amerikanischen Navy Seals. Nun wächst Rasen deutlich schneller als die Kopfbehharung, zumal der Rasen von den vielen Bürohunden mehr als üppig gedüngt wird. Also wird er auch enstprechend häufig getrimmt. Mindestens einmal in der Woche passiert das, natürlich nicht samstags. Da muss der gute Mann vermutlich vor der eigenen Tür kehren.
baumb3Von diesen Gerätschaften sind wir im beschaulichen Hinterland einigermaßen verschont. Nur die Bewohner der Neubauviertel am Dorfrand mit ihren Wohnställen im gepflegten Reihenlandhausstil benutzen Rasentrimmer und Laubbläser. Wir nicht. Der Nachbar auch nicht.
Wir fegen und fegen. Das spart Energie, ist nachweislich genauso schnell und lässt den vielen kleineren Lebewesen im Laub eine gewisse Überlebenschance. Ob Marienkäfer oder Schmetterlingsraupe: Das Gekrabbel und Gewimmel im Laub landet bei uns nicht in der Biotonne und bei den Nachbarn nicht auf dem Kompost.
Das Laub übrigens auch nicht… zumindest bei uns liegt es gern mal in der Einfahrt bis zum Nimmerleinstag… wenn es der Wind nicht verbläst. Zum Beispiel zum Nachbarn, natürlich nur, damit der wieder einen Grund zum fegen hat.

 

PS: Bevor Sie mich jetzt darüber aufklären: Nein: Die abgebildeten Bäume und das abgefallene Laub zeigt nicht die Blätter unserer Blutpflaume oder der Birke aus der Nachbarschaft. Aber Respekt, Sie haben in Biologie aufgepasst.

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