Gefangen in der Sesselfalle

Zack… bumm. Zack………. Bumm. Zack.. Bumm.
Blitze durchreißen den düsteren Himmel, Donner grollen mal näher, mal ferner durch die Nacht. Der Wind peitscht durch die Birken. Es gewitter heftig.
Zack… bumm. Zack………. Bumm. Zack.. Bumm.
Krk.
Es ist schlagrtig dunkel. Wieder mal haben wir einen Stromausfall. Das passiert in unserem Dorf öfter, vor allem bei Gewitter. Meistens dauert es ein paar Minuten, bis der Strom wieder da ist. In der Regel vergeht genauso viel Zeit, wie man braucht, um im Dunkel die Taschenlampe zu holen oder ein paar Streichhölzer zu finden. Letzteres ist in einem Nichtraucherhaushalt bisweilen nicht ganz so einfach.
Es hat auch schon längere Stromausfälle gegeben – auch untertags. Das merkt man dann, wenn die Zeitschaltuhr zu absurden Zeiten die Terrarienbeleuchtung einschaltet oder die Uhr an der kleinen Stereoanlage im Schlafzimmer hemmungslos nachgeht. Aber alles kein Drama, zumindest bei uns nicht.
Einmal erwischte es uns aber sonntags am frühen Vormittag. Das ist einige Jahre her. Es war März, es hatte über Nacht rund einen halben Meter Schnee gegeben, irgendwo hat es eine Leitung erwischt. Das ganze Dorf war ohne Strom. Sonntags im Winter ist eine besch…ene Zeit für einen Stromausfall: Keine Heizung, denn die Pumpe hat ausgesetzt, kein Herd, keine Kaffeemaschine, kein Wasserkocher, kein Telefon, keine frischen Backwaren von der Backstation in der Tankstelle. Man kann nur ausharren oder seine Sachen Packen und ins Schwimmbad fahren. Das ist weit genug weg, das hängt sicher an anderen Versorgungssträngen.
Unsere Nachbarn brachten uns einen Topf kochendes Wasser Sie hatten damals noch einen alten Holzherd und konnten so wenigstens ihre Küche heizen und uns etwas Gutes tun, Leben auf dem Land hat eben auch seine guten Seiten.  Zwei Stunden dauerte das Ganze, dann war der Strom wieder da und alles war gut.
Stromausfälle haben immer etwas Lehrreiches für das ganz simple, praktische Alltagsleben. Man lernt, wie abhängig man von allen möglichen Geräten geworden ist. Man sitzt ohne Strom förmlich in der Falle. Und dass das tatsächlich passieren kann, davon zeugt eine Episode aus dem Leben meiner Großmutter. Seit  über 25 Jahren wird sie immer wieder gern erzählt, schmunzelnd, spöttelnd, lachend – obwohl die ganze Sache zunächst höchst dramatisch war:

Meine Großmutter, damals schon weit in den Achtzigern und schon recht eingeschränkt in ihren Bewegungen, hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, nach dem Mittagessen ein wenig fernzusehen und sich von dem Programm sanft in einen Mittagsschlaf tragen zu lassen. Dazu bezog sie ihren Lieblingsplatz, einen bequemen elektrischen Fernsehsessel, der auf Knopfdruck die Rückenlehne zurückfuhr und ein Fußteil ausklappte – etwa so ähnlich wie ein Zahnarztstuhl.
So schlummerte sie genüsslich in den Nachmittag hinein, doch als sie an einem regentrüben, frühherbstlichen Samstagnachmittag aufwachte, war die Mattscheibe vor ihr schwarz. Das irritierte sie, denn sie hatte den Fernseher ja nicht ausgeschaltet. Sie griff nach der Fernbedienung, es irritierte sie noch mehr, dass das Gerät auf die Anweisung, wieder Bild und Ton zu liefern, nicht reagierte. Auch die Lampe hinter ihr war dunkel. Überhaupt war es ziemlich düster in ihrem Wohnzimmer, denn die dicken Wolken, die unablässig vorbeizogen, hatte die Dämmerung früh einsetzen lassen. Ihr schwante Böses.  Richtig: Auch der Fernsehsessel blieb bewegungslos, so oft sie auch auf die Steuerung drückte, die den Sessel in seine Ausgangsposition zurück brachte.Sie hatte einen Stromausfall.
Sie griff zu dem schnurlosen Telefon, das neben ihr auf dem Tisch lag. Doch das blieb stumm. Der Strom war ja weg, und damit natürlich auch die Basisstation stromlos. Handys gab es damals zwar schon, aber sie kosteten ein Vermögen, ebenso die Gespräche, sodass Mobiltelefone ein Privileg der Vorstandsvorsitzenden großer Unternehmen waren.
SesselfalleNun war Holland in Not. Sie war in dem Liegesessel gefangen. Ein paar Versuche unternahm sie, aus der Liegeposition aus dem Sessel herauszukrabbeln, aber es gelang ihr nicht, ihr fehlte die Kraft, sich hochzudrücken und über die Armlehne zu rutschen. Und da die Liegefläche eben nicht gerade war, konnte sie sich auch nicht langsam Stück für Stück zum Fußende schieben und dann herunterrutschen. Es ging nicht. Sie saß fest. Wie einfach wäre es, jetzt den Notrufknopf des roten Kreuzes zu bedienen. Der funktionierte mit Batterie und Akku. Aber meine Großmutter hatte den Knopf natürlich nicht bei sich. Nie hätte sie – die immer ganz auf Dame machte – sich so ein hässliches graues Plastikteil mit einer Kordel um den Hals gehängt. Der Notrufknopf lag in unerreichbarer Nähe im Schlafzimmer auf dem Nachttisch
Meine Oma war von jeglicher Kommunikationsmöglichkeit mit der Außenwelt abgeklemmt. Hilflos verharrte sie in ihrem Luxusessel. Nun war meine Großmutter nicht gerade geduldig, aber noch weniger aber eine zähe Kämpfernatur, die alle Kräfte aufgeboten hätte, um sich aus dieser Lage doch noch zu befreien. Wut und Verzweiflung, Ungeduld und Ärger mischten sich in ihr und ließen sie kaum mehr einen klaren Gedanken fassen. Ein paar Mal rief sie um Hilfe. Doch das stes als so ruhig von ihr gepriesene Haus verschluckte alles. Das Ehepaar über ihr – deren Töchter längst erwachsen und weggezogen – war nicht da. Die Nachbarn auf gleicher Etage konnten sie nicht hören. Zwar lagen die Wohnungen Wand an Wand, aber die Wohnzimmer jeweils am anderen Ende, so dass der maximale Abstand für Ruhe im Haus sorgte. Alle Wohnzimmer gingen zudem nach hinten zum Balkon und zum Garten. „Man hört und sieht oft tagelang nichts von den Nachbarn, wenn man nicht an deren Tür klingelt“, hatte sie doch immer so geschwärmt.
Was meiner Großmutter blieb: Sich dem Schicksal zu ergeben und zu hoffen, dass der Strom bald wieder zurückkehrte… und dabei den Fernsehsessel, die Stadtwerke, die Hausverwaltung und sonst wen wüst zu verfluchen.
Aber der Strom kam nicht.
Der Tag kroch dahin, monoton nur begleitet vom Ticken der alten Wanduhr im Flur. Mühsam schleppte sich der Zeiger Millimeter um Millimeter.fernsehsessel
Wie viele Stunden meine Oma in der Sesselfalle verbracht hatte, weiß ich nicht mehr. Aber es müssen einige gewesen sein.
Irgendwann ging einer der Nachbarn noch eine abendliche Runde mit seinem Basset um den Block. Dabei fiel ihm wohl auf, dass aus der Wohnung meiner Oma kein Licht kam. Das fand er ungewöhnlich. Hockte die alte Dame etwa im Dunkeln? Das konnte ja wohl nicht sein. Und verreist war sie nicht. Am Morgen hatte er sie doch noch gesehen.
Also klingelte er.
Meine Oma, die das Klingeln wahrnahm, antwortete mit einem Hilferuf, so laut wie es ihr möglich war. Der Nachbar wusste, was zu tun war. Er eilte in seine Wohnung und holte einen Schlüssel für die Tür zur Wohnung meiner Großmutter. Er sperrte auf und stürzte ins Wohnzimmer. Dort fand er meine Oma jammernd und klagend an. Selten, dass sie ihre Contenance verlor,  aber dieses Mal war es soweit. Der Nachbar überblickte die Situation und redete beruhigend auf sie ein während er das Wohnzimmer wieder verließ. In der Besenkammer öffnete er den Sicherungskasten und reaktivierte den Stromkreis. Innerhalb von Sekunden schaltete sich der Fernseher wieder ein. Das Telefon summte seine elektronische Musik als Zeichen, dass es wieder einsatzbereit war. Die elektrische Steuerung des Fernsehsessels reagierte wieder, lediglich die Stehlampe blieb dunkel. Eine Glühbirne war durchgebrannt, hatte einen Kurzschluss verursacht, dadurch war die Sicherung herausgesprungen.
Der Nachbar musste meine Oma stützen, so klapprig war sie auf den Beinen.
Irgendwann später hätte sie über diese Zwangslage zumindest schmunzeln können, hat sie aber nicht. Noch Jahre danach musste sie sich immer wieder mal ein paar ironische Bemerkungen über ihr Fernsehsessel-Gefängnis anhören – und jedes Mal war sie stocksauer darüber. Nie konnte sie über dieses Missgeschick lachen: „Weiß Gott, was da alles hätte passieren können, wenn der Nachbar nicht geklingelt hätte“, hielt sie uns vor. Und sie hatte ja eigentlich Recht damit.  Nur, wie heißt es so schön und ist seit 2013 wieder durch Peer Steinbrück in aller Munde: Hätte, hätte, Fahrradkette…

„Tja, hättest Du mal deinen Notrufknopf bei Dir gehabt“, hielt ihr mein Vater jedes Mal vor. Auch darauf wäre Hätte, hätte, Fahrradkette… eine passende Antwort gewesen.

 

Heute wäre meine Großmutter 105 Jahre alt geworden.

2 Antworten

  1. Kirsten sagt:

    Ich hätte ja gerne „gefällt mir“ geklickt, aber das geht ja hier nicht (warum?) – also schreibe ich mal: Das gefällt mir :-)

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