Helden? Alle Tot… alle tot!

Heute ist Ewigkeitssonntag. Andere nennen es Totensonntag. Vergangene Woche war Volkstrauertag, der seine historischen Wurzeln im Heldengedenktag hatte, was nichts anderes bedeutete, als um die Helden des Volkes, die mit Gott und für Kaiser und Vaterland (wahlweise für Ruhm und Ehre oder für Führer, Volk und Vaterland) ihr Leben ließen. Helden?

Eine gute Frage…
Verstorbene Helden?
Davon gibt es reichlich. Aber auch andere. Wenn man an solchen Tagen drüber nachdenkt, wer alles so getorben ist, oder wen man mittlerweile alles überlebt hat, dann kommt bei mir schnell eine lange Namensliste zusammen. Oft erinnert man sich aber auch ganz genau an Momente und Orte, wo man war und was man gerade getan hat, wenn die Todesmeldung eines Prominenten durch die Medien geschossen wurde. Und so manchen Tod hat man nur bibliophil oder cineastisch betrauert.

Viele waren Helden, nicht alle.

Helden2

Als Elvis Presley starb, rief mein Vater an, der im Krankenhaus lag und riet uns Jungs, das Radio anzumachen. Den ganzen Tag würde nun Supermusik laufen. Wir folgten seinem Rat, schalteten aber bald wieder ab. Das war nicht unser Stil.

Als Herbert Peter Reuter starb, verlor die Hagener Lokalredaktion der Westfalenpost einen eigenwilligen Redaktionsleiter, einen Charakterkopf und hervorragenden Journalisten. Der begnadete Zyniker hat mir enorm viel beigebracht, mehr als die meisten Hochschuldozenten: Die Schärfe in der Sprache, den Blick auf das Detail, das Absurde im Banalen.

Als Anna und Otto Quangel starben, hatte Hans Falladas Roman „Jeder stibt für sich allein“ bei mir seine beabsichtigte Wirkung erreicht. Das Buch hat mich tief bewegt.

Als Helmut Schön starb, verschwand das Väterliche, das Naive und Unbeholfene, fast Amateurhafte aus dem deutschen Fußball und die Illusion, eine Fußballmannschaft bestehe aus elf Freunden.

Als Georg Danzer starb, habe ich das fast nicht mitbekommen. Erst später las ich davon und war überrascht. So alt war er doch noch gar nicht.

Als mein Großvater starb, war ich glücklich, ihn am Tag zuvor noch im Krankenhaus besucht zu haben. Ich wollte nicht hingehen. Einfach blau machen und später auf die Frage, wie es denn im Krankenhaus war, einfach sagen „Wie immer…“ Aber so war es nicht. Ich war da. Warum ich mich kurzfristig doch nicht getraut hatte, das durchzuziehen, weiß ich nicht mehr. Aber es ist gut so.

Als Winnetou starb, habe ich gelacht. Nicht, weil das besonders lustig ist. Aber die Frau, die neben mir saß, hat geweint. Ich war 15 Jahre alt, mit der Familie im Schiurlaub und hatte einen langweiligen Abend. Die Eltern saßen in der Hotelbar, die Kinder waren im Gemeinschaftsraum und schauten fern. Winnetou 3. Wir Jugendlichen waren für das eine zu jung und für das andere zu alt. Ein etwa achtjähriger Junge war selbst für Winnetou zu jung, weshalb seine überbesorgte Mutter neben ihm saß. Als Santers tödlicher Schuss den Apachen niederstreckte brach die Frau in Tränen aus. Wie kann ein Fünfzehnjähriger das nicht komisch finden?

Als Nelson Mandela starb, war ich nicht überrascht. Zu lange dauerte seine Krankheit, um darauf nicht vorbereitet gewesen zu sein. Sein von der Öffentlichkeit wahrgenommener Verfall war zu offensichtlich, als dass es hätte jemanden überraschen können.

Als Bobby Ewing starb, war ich nicht duschen. Und es war mir längst egal, was auf Southfork passierte.

Als Diana starb, hat mich das relativ wenig berührt. Später hab ich öfter darüber nachgedacht, ob sie vielleicht überlebt hätte, wenn sie angeschnallt gewesen wäre.

Als Cheyenne starb, war ich viel zu klein, um das mitzubekommen. Aber seinen Leinwand-Tod habe ich später wieder und wieder auf  im Kino oder dem heimischen Fernseher gesehen. Und ich fand es immer ungerecht. Er konnte doch nicht auf Krüppel schießen. Das war sein Verhängnis.

Als Helga Fest starb, waren wir überrascht. Ein Hamburger Gericht informierte uns, dass die Cousine meines Vaters, zu der wir keinen Kontakt mehr hatten, schon vor Wochen gestorben war. Sie war längst begraben, als uns ein Testament erreichte, in dem sich unter anderem auch mein Name fand. Ebenfalls überraschend.

Als das erste Kaninchen unserer Kinder starb, habe ich die Tränen in deren Augen gesehen. Mitzuerleben wie Kinder trauern, tut noch mehr weh als die eigene Trauer, egal, ob ein geliebtes Tier oder ein geliebter Mensch gestorben ist. Wir haben das Kaninchen, sowie einige andere Haustiere würdevoll im Garten beerdigt.

Als John Lennon starb, haben viele meiner Mitschülerinnen um ihn getrauert. Ich fand das affig. Zu viel Geschiss um einen Sänger. Vielleicht war es auch einfach Eifersucht eines Heranwachsenden, der nicht den Weg in das Herz der heimlich angebeteten Schulfreundin fand, weil dort nur Platz für die Beatles war.

Als Keith Haring starb, war mir klar, dass jetzt seine Kunst überall auf der Welt Museumsreife erhalten wird. Nicht, weil sie so genial war, sondern weil sie sich so wunderbar auf Postkarten, Tassen, Postern, Puzzles und sonstigem Kram in den Museumshops vermarkten lässt. Das Witzige, das Respektlose und Anarchische in seinem Werk würde fortan eingesperrt sein im kommerziellen Kunstbetrieb.

20141003_140755Als Michael Jackson starb, regte es mich nur noch auf, dass nahezu alle Fernsehsender, die wir empfangen konnten über nichts anderes mehr berichteten, und kein halbwegs breit angelegtes Radioprogramm noch irgendetwas anderes spielte. Das war die absolute Überdosis. Seitdem mag ich ihn nicht mehr hören.

Als Wolfgang Plessel starb, war ich schockiert. Einige Jahre hatte ich mit Wolfgang zusammengearbeitet, konnte viel von ihm lernen und war von seiner Großzügigkeit immer wieder überrascht. Sein tragischer Tod, ein Infarkt bei einer Autofahrt und ein nachfolgender schwerer Verkehrsunfall, kam viel zu früh. Er war einer der ersten Toten in meinem Kollegenkreis.

Als Franz Josef Degenhardt starb, habe ich an einem Abend auf Youtube viele seiner alten Balladen gehört. Ich hatte viele Schallplatten mit seiner Musik, den Weg in die digitale Musikwelt, den Umstieg auf CD und mp3 hat Degenhardt bei mir nie gefunden. Ich war überraschst, wie viel ich von den alten Liedern noch auswendig konnte.

Als Willy Brandt starb, war für mich eine Aera endgültig zu Ende, und für mich der letzte Politiker verschwunden, den ich vorbehaltlos bewundern konnte.

Als Carmen starb, war ich der Meinung, das habe sie sich selbst zuzuschreiben. Sicher: Don Jose ist ein über beie Ohen verliebte Trottel. Aber sie hat ihn erst dazu gemacht, und zu ihrem Mörder. Das hinderte uns aber nicht daran, auf Luftmatratzen in der Sonne zu liegen, und der umwerfenden Live-Übertragung aus Salzburg im Österreichischen Radio zu lauschen.

Als  Jörg Blumberg, einer meiner besten Freunde, starb, war ich maßlos wütend. Nicht nur über den viel zu frühen Tod eines meiner besten Freunde, sondern vor allem über dessen andere Freunde. Sie waren allesamt Studenten der Theologie, ideologische Weltverbesserer und Gutmenschen der fürchterlichsten Art. Mit ihnen hatten wir eine heftige Diskussion über den Wortlaut unserer gemeinsamen Todesanzeige. Es musste ja alles so furchtbar korrekt formuliert werden.

Als Heath Ledger starb, glaubte ich zuerst an einen schlechten Scherz, fühlte mich an River Phoenix frühen Tod erinnert und an einen Abend in einer sonderbaren Berliner Bar, in der Heath Ledger die Nacht zum Tage machte.

Als Freddie Mercury starb, war ich zutiefst betrübt. In der Zeit war ich oft in London, ganz und gar vom Queen-Fieber gepackt und konnte es nicht glauben. „The Show must go on…“ wurde für mich zu einem Requiem, bei dem ich noch heute Gänsehaut bekomme.

Als Heinrich Böll starb, ging unserem Land einer der größten Denker und fabelhaftesten Schriftsteller verloren. Ich komplettierte meine  Bibliothek um die letzten noch fehlenden Bücher und habe seitdem immer wieder darin gelesen. So einer fehlt.

Als Unkas auf der großen Kinoleinwand starb, kam das keineswegs überraschend. Man kennt die Geschichte. Und doch hofft man bis zuletzt, es würde nicht passieren. Die Totenrede seines Vaters und seines Stiefbruders sind ganz großes emotionales Kino. Jedes Mal auf’s Neue. Auch Jahrzehnte danach auf dem heimischen Fernsehbildschirm.

Als meine Mutter starb, war es Herbst; ein goldener. Ich habe geweint. Als mein Vater starb, war es August. Wieder habe ich geweint. Aber weitaus weniger.

engel

2 Antworten

  1. Georg Danzer ist tot? Der war doch noch gar nicht so alt….

    Schönes Posting. Anregend, nachdenklich stimmend…

  2. zeilentiger sagt:

    So viele Tode, so unterschiedliche Tage …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.