Peter flutet

Veränderungen sind Peters Sache nicht, davon war an dieser Stelle schon öfter die Rede. Peter liebt, was er kennt, was ihm vertraut ist, was keine Überraschungen bereithält – und schon gar keine unangenehmen.
Nun hält das Schicksal viele solcher Dinge bereit, die Peters seelisches Gleichgewicht empfindlich aus dem Lot bringen können. Dazu gehören seit Jahr und Tag die Weiterbildungsseminare, die seine Firma jährlich veranstaltet. Auch davon war hier schon gelegentlich die Rede. Einmal – zumeist in der vorösterlichern Zeit muss er „einrücken“. So nennt Peter das was ihm widerfährt. Für drei Tage ziehen sich Vorstand, Vertriebler und Innendienstler in ein Hotel irgendwo in Deutschland zurück. Und jedes Jahr jammert Peter schon im Vorfeld wochenlang herum.
„Das Schlimme nämlich“, so erzählt er, „ist, dass es jedes Jahr woanders ist. Dann kommt man rum, meint der Vorstand, die Regionalkollegen können dazu stoßen und überhaupt: So lernt man Land und Leute kennen!“ Er lacht grimmig. „Als wenn ich Land und Leute würde kennenlernen wollen.“
„Vor allem die Leute nicht“, denke ich, halte aber den Mund. Peter ist gerade zurück, dieses Mal musste er in den Südwesten der Republik reisen. „Das fängt schon damit an, dass man kaum aus dem Tagungshotel rauskommt, und wenn doch: Was nützt es? Du verstehst die Leute da sowieso nicht?“ Mit anderen Dialekten als dem eigenen hat Peter es auch nicht, wenn er ehrlich ist.
„Aber glaub mal nur nicht, dass das ein Vergnügen in dem Hotel ist…“ sagt er und ich weiß, dass gleich wieder die große Litanei über das Drama im Hotel losgeht. Ein tagelang auf dem Hotelflur herumliegendes Papierchen, was für ein Indiz über mangelndes Putz- und Saugeverhalten des Reinigungspersonals darstellt, ein Duschvorhang mit Schimmelkante, der ihm beim Duschen an den Beinen klebt – irgendwas ist doch immer. Warum nicht den Stier bei den Hörnern packen?
„Peter“, frage ich. „Was ist es dieses Mal. Eine defekte Klospülung, knarrender Holzboden auf dem Flur? Oder nächtlicher Straßenlärm?“ Es wird es so oder so erzählen. Und egal, welche Kleinigkeit es ist, für Peter ist es ein Drama. Etwas Unvorstellbares, was seine gesamte Existenz als einen fortgesetzen Alptraum erscheinen lässt. Und natürlich etwas, was es so in seinem trauten Heim nie geben würde.
„Ich war gezwungen, das Bad zu überfluten. Und das jeden Tag.“
„Bitte was?“ Ich bin etwas irritiert. „Du hast das Bad geflutet.“
Stammleser wissen, wie Peter in solchen Momenten reagiert. Er zückt sein iPhone und zeigt mir seine Beweisfotos. So ist es auch dieses Mal.
„Die Duschtür nämlich schließt nicht richtg. Da schau her, ich hab das mal fotografiert.“
„Sie schließt nicht richtig, oder hast Du sie nicht richtig zugemacht.“
Peter ist empört. „Was glaubst Du eigentlich?“
dusche1

Ja, was glaube ich eigentlich? Peter , der ein begnadeter Heimwerker ist, hat natürlich den Sachverhalt genauestens untersucht. „Die Silikonlitze unten eckt an. Man kann die Tür nicht schließen. Schau her.“ Er zeigt mir das Foto. Ich sehe eine Duschtür, die mehr als einen Zentimeter aufsteht.
„Da ist ja wohl klar, dass das ganze Duschwasser rausspritzt und den Badezimmerboden unter Wasser setzt.“
Ja, das ist klar. „Da nützt auch dieser lächerliche kleine Vorleger nichts mehr“.
„Und du konntest nichts tun?“ frage ich ihn nicht ohne ironischen Unterton. Ich rechne damit, dass er mir erzählt, wie er aus seinem Wagen aus der Tiefgarage den Notfallwerkzeugkoffer holt und die Duschtür richtig einhängt, damit sie schließt.
„Nein, gar nichts. Oder glaubst Du, ich habe einen so breiten Körper, dass das Wasser nicht links und rechts an mir vorbeispritzt?“
Einen Moment habe ich in der Tat das gedacht. Peter ist von eher zierlicher Gestalt, einer der wenigen, die im Strahl unter einem normalen Duschkopf überall nass werden.
„Und den Duschkopf konnte man noch nicht mal anders ausrichten, dass er weniger auf den Spalt spritzt?“
„Nee, der war fest montiert. Ein Desaster…“
dusche2
Ich stelle mir vor, wie Peter nach dem Duschen mit allen verfügbaren Handtüchern die Flut im Badezimmer eindämmt, bevor sie das eigentliche Zimmer erreicht und den Teppichboden durchnässt. Vermutlich hat er aus einem großen Tuch eine Rolle gedreht und einen Damm an der Tür gebaut – gelernt ist gelernt, und wie ich Peter kenne, gehört er zu den wenigen, die als Kind am Strand die Ostsee bei Ebbe am Rückzug gehindert hat – mit Hilfe eines ausgeklügelten Kanal- und Deichsystems. Und natürlich hat Peter mit Steinen, Stöcken und Laub Bäche beim Wanderurlaub im Harz aufgestaut.
Peter kann das. Aber hat es nicht getan. Er hat es laufen lassen. „So schlimm war es dann doch nicht“, gibt er zu. Die ganz große Flut ist, so erfahre ich beim Nachfragen, ausgeblieben.
„Aber glaub nur nicht, dass ich das Bad auch noch gewischt habe“, grantelt er. „Obwohl… Nötig wäre es ja gewesen.“
Ach Peter…

1 Kommentar


  1. Von solchen Leute bin ich leider auch teilweise beruflich umgeben. Ja, und Beamte sind wirklich genau so wie man vermutet. Ich hoffte früher es wäre anders. Vorurteile haben ihren Sinn. 😀

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.